Auf der anderen Seite des Kriegs „Deine Schwingen weit ausgebreitet …“
Das Gedröhne wächst hinten an. Die Scheinwerferlichter fangen an zu flattern, wie ein verdatterter Schmetterling in den gespreizten Fingern der Bäume, die sich über der Straße fast schließen. Wie schwarze Hasen beginnen die Schatten auf dem Weg zu hoppeln. Rudolf dreht sich mit Hoffnung um. Vergebens. Das Fahrzeug fährt vorbei, und nur leichte Wirbel aus Schneeflocken drehen sich hinterher. Und wieder – Erde, Deutschland, Einsamkeit. Die Straße. Stille. Und Reihen von Bäumen an beiden Straßenrändern. Und dickbäuchige Hügel, die sich in der Dunkelheit verlieren. Und die Schneeflocken in ihrem verzögerten Sprung. Ein Wintermärchen … * * * Und die Gefangenschaft … * * * Und der Weg bei Oryol. Und auch Winter. Und auch Weihnachten. Und die Kolonne, die durch die stille vorweihnachtliche Nacht trottet, frei von allen Sorgen, außer der einen – wie man im hereingebrochenen Frost überleben soll. Und bis zum Lager sind es noch etwa acht Kilometer… Und davor sind sie lange unter keilartigen, wie die sumerische Schrift, spitzen Schneeflocken gelaufen, denen der harsche Wind ab und zu Tritte verabreichte, als ob er bloße Wut in ihnen wecken wolle, und die Schneeflocken wirbelten empor, die Hieroglyphen wild direkt ins Gesicht bohrend. Und man konnte sich nicht wegdrehen. Es verblieb nur den Blick auf den gleichgültigen Gott zu richten und zu hoffen … Auf was? Auf das Gedächtnis, das die in die hinterste Ecke verborgenen Schätze quälerisch herausnahm und zeigte. „Mit selden mvsse ich hute vf sten …“ Wozu braucht er Walter von der Vogelweide? Weshalb hat das Gedächtnis aus den Tiefen des Wesens den bekannten Minnesinger, einen Poeten des XII. Jahrhunderts herausgefischt? An wen soll an sich „hier zu früher Stunde wenden“? An den Russen, der an der Seite läuft und sich selbst unter den schneidenden Küssen des Schneesturms krümmt? * * * Doch Gott schien nur gleichgültig zu sein. Als ihm die Schneestaupe ausreichend erschien, verwandelte er die Ruten in einen Schnee, der in seiner Schönheit phantastisch war. Und das Lager war auf einmal nahe … - Schönes Weihnachten, - sagte der Mann daneben. Und warf die Maschinenpistole auf der Schulter hoch ...
Die Russen sind weg Die Russen sind weg. Nach neunundvierzig Jahren Okkupation. Er rechnete noch einmal nach und verspürte mit schwermütiger Verwunderung erneut, wie schnell die Zeit vergeht. Ja, alles richtig. Neunundvierzig Jahre. Seit der Krieg zu Ende ist. In seinem Deutschland. Einstmals in der Gefangenschaft hoffte er nicht einmal solange zu leben … Er zog wieder an seinem Bier. Der alte Jürgen ist heute nicht gekommen – wahrscheinlich machen ihm heute wieder die Beine zu schaffen. Deshalb wird das Abendbier heute wohl in Einsamkeit getrunken werden müssen. Es blickte für alle Fälle aus dem Fenster. Kalter Herbstregen kratzte lustlos an der Fensterscheibe. Als ob er ins Warme wolle, jedoch selbst nicht mehr an die Güte der Bewohner glaubte. Das Steinpflaster glänzte willustig im hungrigen Schein der Straßenlaternen. Auf der gegenüberliegenden Seite wuchs wie eine dunkle Mauer ein Haus empor – ebenfalls nass und erfroren. Nur zwei Fenster leuchteten dort, und in ein paar weiteren war ein blaues Schimmern zu sehen – da wurde ferngesehen. Nein, Jürgen wird nicht kommen. Was war es denn? Ach ja. Die Russen. Ja, die Russen sind weg. Nachdem sie hier fünfzig Jahre gestanden haben. Tja, das war ihr Recht – sie sind die Sieger. Es war ihr Recht hier alles zu tun, was sie wollten. Und was immer die Jugend über die neuen Zeiten sagt, Politik wird immer Politik, und Krieg – immer Krieg sein. Mit allen seinen Folgen. Und die Wessis, diese von der anderen Seite, können auch die Fresse halten. Bei ihnen standen auch ihre Sieger, die auch machen konnten, was sie wollten. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass die Amerikaner reicher waren und die Läden nicht wie die Russen stürmten. Sie konnten es sich leisten unbesorgt zu sein – ihnen gehörte die Welt. Die Russen konnten sich das nicht erlauben. Deshalb waren sie gierig und dumm. Und doch haben sie irgendwie gewonnen … Er erinnerte sich, was für grausame Sachen über die Russen erzählt wurden, die damals Ostpreußen betreten haben. Der Krieg war bereits getan, Widerstand was zwecklos, und viele aus der Kompanie sagten damals, dass man die Barbaren nicht hätte reizen sollen. Man sprach darüber jedoch leise: zu dieser Zeit wurden in der Armee „Feiglinge“ und „Panikmacher“ bereits bestraft. Tatsache blieb jedoch Tatsache – dort, wo die Wehrmacht besonders ausdauernd kämpfte und Haufen von russischen Leichen vor ihren Gräben auftürmten, war das Schicksal des letztendlich zu verlassenden Ortes gewöhnlich wenig beneidenswert. Doch kämpfen nicht standhaft in ihrem Deutschland konnten sie, die Deutschen, auch nicht. Obwohl niemand schon an den Sieg glaubte, glaubte auch keiner mehr an Hitler. Doch es gegen die gnadenlose asiatische Barbarei gekämpft wurde. Natürlich schrie die Propaganda schreckliche Sachen raus. Dass die Russen sofort alle erschossen, die ihnen verdächtig erschienen, Frauen vergewaltigten, Kinder umbrachten, Familien aus ihren Häusern warfen und selbst dort einzogen, alles raubten und Leichen schändeten. Dem musste man nicht glauben, man konnte jedoch nicht den eigenen Augen nicht trauen. Vor einigen Tagen vor der Gefangennahme schaffte ihr Regiment es ein kleines Städtchen in Pommern zurück zu gewinnen – und das, was sie gesehen haben, hätten sie besser nicht gesehen. Nein, da waren fast keine von Russen umgebrachten Bürger. Da waren natürlich vergewaltigte Frauen. Aber das hat ihn damals überhaupt nicht berührt – Krieg ist Krieg, und Soldaten haben sich noch niemals in der ganzen Weltgeschichte und in keinem Land wie Engel benommen. Er war erstaunt über den sinnlosen Vandalismus der Russen. Es wurden Gemälde zerschnitten, Möbel zerschmettert, hier und da wurden direkt auf dem Wohnzimmerboden Scheißhaufen hinterlassen. Die Russen brauchten ja diese Häuser selbst, sie hatten vor dort zu wohnen - auch wenn rein militärisch, nicht für lange Zeit, aber ... Wozu wurde das Sofa in Splitter zertrümmert, wenn man danach auf dem Boden schlafen musste? Und er hat selbst den mit der Zeltbahn zugedeckten Strohhaufen gesehen, auf dem die Russen übernachtet haben, - gleich neben diesem zertrümmerten Sofa. Dazu wunderte noch die Neigung zu kleinen Diebstählen. Als sie einige gefangen genommene Russen durchsucht haben, haben sie in ihren Taschen lauter billigen Kram gefunden – Löffel, Ballerinas aus billiger Porzellan, die vor dem Krieg drei Groschen gekostet haben, diversen Tischkram. Und die Deutschen, die überlebt haben, erzählten, dass die Russen wegen einem Fahrrad gekämpft haben. Und einer hat einen anderen wegen einem Feldstecher erschossen. Und nach der Gefangenschaft war es für ihn, den Besiegten, widerlich mit anzusehen, wie die Russen, die im Krieg die unbesiegbare, fast bis nach Indien durchgedrungene Wehrmacht zerschlagen haben, die deutschen Geschäfte stürmen, als ob in ihrem Land sogar keine Kleidung genäht wurde. Ohne die Besiegten zu beachten, ohne sich überhaupt zu schämen, arrogante Flegeleien ablassend, - und kauften das Billigste. Sieger, - verzog er seinen Mund zu einem Lächeln. Und wieder schaute der Krieg wie ein lächelnder Totenkopf in seine Lieblingskneipe rein. Oh Gott, wie sie an die Front wollten, die Jungs aus der Hitlerjugend! Sie hörten auch nicht richtig den Argumenten der Propaganda zu, die erklärte, warum das deutsche Volk das Recht hat von den anderen das von den Deutschen gestohlene von den anderen zu fordern. Sie wollten einfach Romantik – besonders in diesem Fall, wo die Romantik für sie sich zum Wohle Deutschlands wenden sollte. Und er dachte immer noch, dass dieser Krieg gerechtfertigt war. Nicht von seiner Form her, - nichts kann die SS mit ihrer industriellen Menschenvernichtung rechtfertigen, - jedoch vom Wesen her. Denn das deutsche Volk wurde durch die Ergebnisse des Versailler Friedens unterdrückt, erniedrigt, seiner Länder beraubt. Was allein ist diese ganze Geschichte mit Danzig, mit dem Ruhrgebiet wert … Zur selben Zeit gab es in Europa eine Menge Staate, die fast verbrecherisch nachlässig mit ihrem Land umgingen, welches Deutschland so nötig hatte. Auch Russland, das auf seiner unglaublichen Schwarzerde eine Million seiner Bürger einfach verhungern ließ … Aber einige – zum Beispiel, seine Eltern, - waren stille Gegner des Kriegs überhaupt. Er hat sie damals nicht verstanden, sie schienen ihm sogar lächerlich mit ihren Ängsten und in diesem missmutigen Schweigen am Abend, wenn im Radio Berichte von den Frontlinien in Frankreich und auf dem Balkan übertragen wurden. Er hat sie erst nach all dem verstanden. Nur gab es sie nicht mehr – sie kamen unter einer englischen Bombe ums Leben … Er war natürlich nicht so blöd, um seine nächsten Verwandten anzuzeigen. Es verstand jedoch ihre Befürchtungen nicht und konnte sie nicht teilen: denn von Anfang an haben die deutschen Streitmächte alle ausgeschlachtet, die sich auch nur gewagt haben Widerstand zu leisten. Eine objektive Tatsache! Selbst 1945, als alles bereits zu Ende zu sein schien, haben sie es geschafft die Amerikaner in den Ardennen zu zerschmettern, trotz ihrer ganzen Technik und ihrer Überlegenheit in der Luft. Und nur mit den Russen ist es nichts geworden. So einen Krieg mit ihnen hat keiner erwartet. Er wusste nicht warum. Und keiner wusste es, mit wem er auch immer über dieses Thema sprach. Keiner war von den Russen von großer Meinung – ein Volk von niedrigem Kulturniveau in seiner Masse, arm, mit diesen ihren langen, bedrückenden Liedern, mit den unsinnigen Bräuchen, ohne Gefühl für Disziplin … Nein, das ist keine Bosheit der Besiegten, sagten sie oft zueinander mit Jürgen, der seine Gefangenschaft in einem Lager irgendwo im Uralgebirge abgesessen hat. Letztendlich haben die Deutschen tatsächlich besser gekämpft, und auf jeden gefallenen Deutschen kamen vier Russen … Sie als Soldaten mussten sich nicht schämen. Ihnen wurde ein Befehl erteilt – sie gingen. Ganz Europa erobern – sie haben es erobert. Bis zum Kaukasus vordringen – sie sind bis dorthin vorgedrungen. Ist der deutsche Soldat schuld daran, dass er bis nach Stalingrad vorgedrungen ist? Es wurde ihm befohlen – und er ist vorgedrungen. Ein guter Soldat. Und wozu er dort gebraucht wird – das ist eine Frage an die Politiker. Wie sie jetzt Europa herumschnippeln, Nachdem die Sowjetunion zerfallen ist. Nein, das Deutschland wiedervereinigt wurde, das ist gut. Aber … Es fing sich auf einmal bei dem Gedanken, dass Russland ihm ein wenig leid tut. Auf ebenem Boden, in Friedenszeiten, durch das Tun der eigenen Politiker in Fetzen auseinander gelaufen … Und die DDR tut ihm, um ehrlich zu sein, jetzt auch leid! Nein, Dieter Kreuzsch hatte recht, dass er einfach ein konservativer Faulpelz ist. Er konnte ja nach der Gefangenschaft leicht in den Westen ziehen, sich dort niederlassen. Er zog es jedoch hier, in Leipzig, unter den Sowjets vor. „Du bist in der Gefangenschaft ein “Roter” geworden”, scherzte Dieter, selber Mitglied der SED. Wenn sie einander nicht so viele Jahre lang kennen würden, noch von Kindheit auf, könnte man denken, dass „Genosse Kreuzsch“ für die Stasi arbeitet. Kann auch sein, dass er das gemacht hat. Was konnte nur die Staatssicherheit von ihm, einem Behinderten, erhalten? Und die DDR passte ihm fast, wenn er ehrlich sein sollte. Und als er in den Westen reisen konnte – seitdem passte sie ihn noch mehr. Weil er während seiner ersten Reise dorthin mit eigenen Augen gesehen hat: das ist nicht mehr sein Deutschland. Genau das ist es, womit ihn der westliche Teil des Landes betroffen machte, - der Verlust des deutschen Geistes, einer kompletten geistlichen Unterwerfung an die Amis mit ihrem Kaugummi und ihrer Arroganz, ihrer Musik und ihren Beinen auf den Tischen. Mann kann nichts sagen, sie haben gut gelebt - dieselben Deutschen, nur nicht unter diesem dämlichen Sozialismus ... Aber hier konnte er wenigstens ein Deutscher bleiben, und dort ... Dort wurden die Deutschen zu irgendwelchen „Europäern“ … Er rief den Ober, bestellte noch ein Bier. Schaute sich um. Am Stammtisch wurde Skat gespielt, in der Ecke saß eine Gruppe von Studenten, nebenan unterhielten sich zwei Arbeiter. Wie gewöhnlich, alles ist so, wie immer, dasselbe Deutschland. Ein sittliches, ehrliches Deutschland. Anständig. Deutsch. Er dachte daran, wie er sich von seiner Frau getrennt hatte, weil er nicht in den Westen ziehen wollte. Damals gab es die Wand noch nicht. Es ist nach der Gefangenschaft ein paar mal zu Verwandten nach Hamburg gefahren, hat sich umgesehen – und selbst den Gedanken über einen Umzug vergessen. Sicher, die Russen sind unverständlich und unrechtschaffen, aber in ihrer Zone blieb Deutschland letztlich mehr Deutschland, als bei den Amerikanern. Die Russen wollten teilweise nicht und konnten teilweise nicht die deutsche Kultur und die deutschen Bräuche durch irgendwas zu ersetzen. Sie hatten nichts anzubieten. Sogar mehr als das, sie waren bereit zu übernehmen. Und gingen auch mit Respekt mit den Ex-Feinden um. Er hat das in seiner Fabrik gesehen, wo nach dem Krieg russische Spezialisten gearbeitet haben – damals hat die Fabrik noch als Kriegsentschädigung für Russland gearbeitet. Und es fiel diesen russischen Barbaren auch schwer irgendetwas der europäischen Kultur entgegenzustellen, wenn diese Vertreter der „Großmacht“ es immer noch nicht gelernt haben sich in den Geschäften zu beherrschen und auf den Straßen nicht laut zu schreien. Er schmunzelte, als er daran dachte, wie er einmal – im zweiten oder dritten Jahr nach der Freilassung - zusammenzuckte, als er durch die Nikolausstraße gehend plötzlich einen lauten und durchdringenden Ruf – „Jude!“ - hörte. Zuerst erschien es ihm sogar, dass er in die Dreißiger zurückgekehrt ist, in den Boykottzeiten der Judengeschäfte. Nach dem Krieg waren keine solchen Rufe mehr im Land zu hören – und fast alle Deutschen um ihn herum zuckten damals zusammen. Aber das schrie ein gemästetes russisches Weib. Sie schrie, ohne darauf zu achten, dass sie beobachtet wird. Sie rief noch ein paar mal dieses Wort, das ähnlich wie „Jude“ klang, bis ihr endlich ihre genau so fette Freundin antwortete. Erst dann begriff er, dass das nur einer von ihren läppischen Namen war - “Lyuda” oder so ... Absolut andere Menschen, eine ganz andere Zivilisation. Fremde. Aber sie sind dennoch die Sieger! Warum? Er dachte an die Schlachten, an denen er an der Ostfront teilgenommen hat – Gott bewahre, dass sie wieder im Traum erscheinen. Die Rotarmisten waren gewöhnlich schmächtiger, als die Deutschen, irgendwie nicht so satt und stark. Sie konnten zwar gut mit den Bajonetten umgehen, besonders zu Beginn des Kriegs, als das Rahmenheer noch nicht von den Eingezogenen und den Freiwilligen ersetzt wurde. Die Bajonette wurden zu höllischen Waffen auf ihren langen Gewehren. Aber die russischen Kommandeure missbrauchten diese Kampfart und führten die Soldaten mit gefällten Bajonetten gegen das schrecklich wirkungsvolle Maschinengewehrfeuer des Gegners und bedeckten die Heimaterde mit Leichen in sackartigen Hosen. Und der Nahkampf! Es ist schrecklich zu sehen, wie dein Freund von einem Bajonett aufgespießt wird. Und das Gefühl, als ob es ein Traum sei, wenn du wie von Geistern angegriffen wirst, um sich schlägst, jedoch kein Ergebnis siehst, nur die Feinde fallen immer wieder über dich her ... Du schlägst mit dem Kolben um sich, er fällt hin, wer weiß, ob du ihn umgebracht hast oder nicht, - und da fällt seitlich jemand wieder über dich her ... Am schlimmsten ist es jedoch, wenn der Kampf mit jemandem handgemein wird … Und wieder erschienen ihm die Augen eines russischen Soldaten, mit dem er so einen Kampf hatte. Sie erschienen ihm mehrmals im Krieg und auch danach, und er versuchte vergebens sie zu vergessen. Das war ein widersinniger Kampf im rutschigen Herbstschlamm, im blinden Regen, der bereits zwei Wochen lang anhielt, am Ende eines wirren Kampfes, als die Russen bereits umtingelt waren und das Beste für sie war sich zu ergeben ... Zuerst war Wut und Hass in diesen Augen … Ein Gesicht mit hervorstehenden Wangenknochen, ein Teil des weißen Hemdes quoll unter dem Kragen hervor – jemand muss ihn bereits an der Brust geschüttelt haben … Dann begannen sich die Augen zu weiten vor Verzweiflung und purer Angst, als der Russe verstand, dass er schwächer ist, dass er diesen Kampf, in dem der Preis das Leben war, nicht gewinnen wird … Und zuletzt füllten sie sich mit blassem Entsetzen, als der Feind den ersten Schmerz von den Messerstichen verspürte. Aber auch dann, als er bereits verstand, dass er tot ist, als seine Augen bereits zu erlöschen begannen und sich nach innen zu wenden schienen, - auch dann führte er den Kampf fort, klammerte sich mit erschlaffenden Fingern an Kragen eines fremden Soldatenrocks fest. Vielleicht liegt darin ihr Geheimnis? Darin, dass sie sich nicht der Gewalt unterwerfen, ihr keine Rechte zuerkennen? Die deutschen Soldaten siegten im ersten und auch im zweiten Nahkampf, die er überlebte, diese Kämpfe weckten in ihm jedoch für ewig die Furcht vor den Russen. Selbst wenn jeder von ihnen seinen eigenen Kampf verlor, sich an den rosaroten Blutblasen verschluckend, kämpften, klammerten, bissen die Russen weiter, bis sie starben. Haben sie nicht deshalb den Krieg gewonnen, weil sie trotz der Niederlage sich nicht ans Leben, sondern an den Sieg klammerten? Und selbst im Sterben immer noch versuchten die Finger an der Kehle des Feindes zu schließen? Es war wohl König Friedrich gewesen, der sagte, dass es nicht genug ist die Russen zu töten - sie müssen auch niedergelegt werden ... In den ersten Zeiten haben sie, die Wehrmachtsoldaten, noch das Schauspiel bewundert, als die erschütterten, vom Feuermeer niedergedrückten Rotarmisten sich fast mit Erleichterung in Gefangenschaft nehmen ließen, sie konnten dabei von der erlebten Heidenangst kaum mehr klar denken und blickten sich gehetzt auf die deutschen Panzer und Kanonen um. Aber danach waren es dieselben Gefangenen, die in die Wälder flüchteten und von dort aus die sie bereits besiegten deutschen Soldaten wieder angriffen. Nein, teilweise kann man das schon verstehen! Auch Dieter erzählte, dass sie in ihrer Kompanie einen Oberschützen oder einen Obergewehrschützen hatten (er hat es selber schon vergessen, alte Latsche!), der war selbst bei der Begleitung von gefangenen russischen Soldaten dabei. 4-5 Stunden Laufmarsch, alle 50 Meter ein bewaffneter Soldat. Es gab den Befehl – beim Verlassen der Kolonne oder bei einem Fluchtversuch sofort zu schießen. Aber in der Kolonne waren Verwundete und Kranke. Sie blieben zurück und wurden dort erschossen … Und trotzdem – das erklärte nur einen Teil. Aber nicht alles. Wie soll man diese Russen überhaupt erklären können? Sie waren ja bereits besiegt. Den Widerstand leistete nicht mehr die Armee, sondern Jungs, die dringend mobilisiert und ins Feuer geworfen wurden. Die Bevölkerung war bereits bezwungen worden, aber anstatt sich den Bestimmungen der neuen Macht zu unterwerfen, wie es halt angemessen ist, gingen die Russen in Banditenformationen über und schossen auf die Sieger. Und das war das abscheulichste. Und danach – nach dem Krieg - lachten sie auch noch frech – wo ist denn eure deutsche Treue dem Führer, warum kämpft ihr nicht mehr für ihn? Ihr habt es ja gesehen, wie unsere Partisanen euch zusetzten? Aber wie könnte man weiter kämpfen, wenn Hitler selbst seine Niederlage mit dem Selbstmord zugegeben hat! War es denn nicht eher eine Tugend der Deutschen, das sie nicht das eigene und das fremde Leid mehrten und die neue Ordnung anerkannten? Dazu ist die Macht ja da, um zu gebieten, und nicht umsonst wurden die „Werwölfe“ dafür missbilligt, dass sie mit ihren sinnlosen Narrenpossen die Lage nur verschärften. Seine Gedanken kehrten zum Krieg zurück. Mit einer bereits etwas erblassten, jedoch sich fest in der Seele eingefundenen Scham kam es ihm in Erinnerung, wie sie, eine Gruppe von gesunden, jungen Tieren, nachts in ein Dörfchen gehen wollten, neben dem sich ihre Abteilung befand. Die Offiziere waren damals – das war neunzehn dreiundvierzig – noch um Disziplin besorgt, aber hier was Hintergelände, mit ihnen waren auch Unteroffiziere, und keiner sah im eigenmächtigen Alleingang keine besondere Sünde … Sie gingen lange einen zerschlagenen Weg, betrunken und ungeduldig, dann erreichten sie endlich die schläfrige Siedlung mit den Holzhäuschen, die in die Erde eingewachsen schienen. Sie hämmerten an Türen auf der Suche nach Frauen – egal welchen. Um Furcht zu erregen, schrieen sie über eine Suche nach Partisanen, drohten mit den Maschinengewehren, holten alte Weiber aus den Betten. Die Russen sahen gehetzt, düster an, aber das war nicht so sehr die Gefügigkeit, sondern das Verständnis der eigenen Machtlosigkeit. Sie versuchten ihre Mädchen zu verstecken – es schien, als ob sie nur zu gut verstanden, wozu die Soldaten gekommen waren. Aber letztendlich fanden sie drei, die die Deutschen unter Arrest nahmen und mut sich abführten, ohne dabei auf das Heulen und das Flehen der Mütter zu achten. Sie grinsten und drohten dabei mit den Maschinengewehren: “Wenn sie uns gefallen, dann werden wir so großzügig sein und eure Partisaninnen freilassen ...” Weiter wollte er sich ncht erinnern, weil neben den Augen des getöteten Russen ihm in diesen fünfzig Jahren von Zeit zu Zeit die hasserfüllten Augen einer der Mädchen in Traum erschienen, die er als erster abbekam und die ihn mit ihrem ganzen … Ja, mit ihrem Hass überschüttete, was denn sonst! Sie ließen damals alle drei laufen. Letztendlich waren sie ja keine Tiere, sondern nur heißhungrige Rüden, die nach Weibchen lechzten. Und neben ihrer Disposition gab es nicht einmal ein Städtchen, wo es gewöhnlich russische Mädchen gab, die selbst nichts dagegen hatten sich mit Vertretern der europäischen Nation einzulassen. Was hätten sie sonst tun sollen? Es war ja nicht so wie in der Gefangenschaft, als einer nach dem anderen begann und dann fast die ganze Baracke mitmachte ... Aber mit den Jahren stieg in ihm immer öfter die Scham für diese Nacht auf. Er erinnerte sich in dieser Verbindung wieder daran, wie in einer anderen Truppe, als sie im Rücken standen, er Zeuge eines Verhörs von zwei zufällig gefangenen Partisanen wurde, einem jungen Mann und einem jungen Mädchen. Nein, sie taten ihm nicht leid. Damals und auch jetzt hielt er Partisanen für einfache Banditen, und grinste bösartig, als die Kommunisten aus der SED seinerzeit diesen „Freunden“, die die Deutschen hinterrücks umbrachten, die Ehre erwiesen. Aber damals, wie auch heute, verspürte er ein Gefühl von Ekel und Scham für das, was dieser Typ aus der Feldgendarmerie mit den Partisanen tat. Bei diesem Pärchen wurden Waffen entdeckt, als sie versuchten an einer Patrouille vorbeizukommen. Sie sollten einfach erschossen werden, besonders wenn man bedenkt, dass sie gewöhnliche junge Romantiker waren. Ihre Banditenanführer haben diese Jugendlichen einfach auf diese Aktion geschickt, ohne sich Sorgen weder über ihr Schicksal, noch über das Schicksal von zwanzig weiteren Geiseln zu machen, die im Falle eines Angriffs auf die Deutschen erschossen werden sollten. Aber der Feldpolizeikommissar mit drei seiner Untergebenen schleppten die beiden ins Haus und begannen zuerst leise, und danach immer lauter ungeschickte Fragen zu stellen, die die Partisanen selbstverständlich nicht zu beantworten wussten und nicht wissen konnten. Es schien, dass all das dem Beamten der geheimen Feldpolizei nur dazu nötig war, um sich in die Wut hineinzujagen, um aufzuschäumen. Als er sah, dass die Russen sich ähnlich sahen, und verstand, dass es sich um einen Bruder und eine Schwester handelte, befahl er sofort das Mädchen auszuziehen und vergewaltigte sie zusammen mit seinen Handlangern vor den Augen des Bruders. Er wurde gezwungen zuzusehen, ohne den Blick abzuwenden. Der Feldpolizist fand es besonders beeindruckend, dass das Mädchen zuvor unberührt war und deshalb wie wild in den Händen der Soldaten strampelte. Später, als sie gebrochen, mit Blut und Dreck bedeckt, zu sich kam, begannen sie ihren Bruder zu foltern, indem sie ihm mit einem glühenden Bajonett die empfindlichsten Körperstellen verbrannten und unter Splitter und Streichhölzer unter die Fingernägel steckten, um sie danach anzuzünden. Die Jugendlichen schrieen tierisch, sie waren bereit alles zu sagen, was sie wussten. Und sie erzählten auch alles, was sie wussten. Aber der Feldpolizist brauchte keine Information, er brauchte Leiden. Es war unmöglich sich dieses „Verhör“ mit anzusehen. Es ist unverständlich, wie ein Deutscher überhaupt so etwas tun konnte. Aber das einzige, was man machen konnte, war zu fragen, ob an nach draußen gehen dürfe, um die Wachen zu prüfen – er selbst war bereits ein Oberfeldwebel … Am Abend sah er die Russen wieder. Sie lagen im Hof, und die Soldaten gruben eine Grube, um sie zu vergraben. Diese beiden sahen nicht mehr wie Menschen aus, nur wie blutige Fetzen. Er befahl den Soldaten sie wenigstens zuzudecken und sie schnellstens zu begraben ... Er schluckte den Ekel runter und trank sein Bier aus. So ist es immer – du beginnst über etwas zu denken, und die Erinnerungen klammern sich aneinander, die eine schmählicher als die andere. Als er jung war, spürte er nichts dergleichen, jetzt aber verspürte er eine riesige Ungemächlichkeit. Das wichtigste ist, dass er nicht über sich sagen konnte: ich persönlich habe in keiner Weise die Ehre eines deutschen Soldaten verletzt. Er hat’s ja gewusst, gesehen! Irgendetwas störte ihn dabei vieles vom Erlebten auf die Kriegsexzesse zu schieben. Na gut, es passierte schon, dass die Gefangenen nicht zurückgeführt, sondern erschossen wurden, und nicht von der SS, sondern von der Wehrmacht, - aber das war damals eine gewöhnliche Sache, besonders mit Einzelgefangenen. Zurückführen ist schwieriger. Aber die ausgestochenen Augen, die abgeschnittenen Frauenbrüste … Und damals in Mogilyow … Der Galgen auf dem Platz mit den Gehängten … Und die Blicke der Passanten sind von einem solchen Hass erfüllt, als ob du der letzte Dreck bist. Tja, es kann sein, dass sie der Wahrheit nahe kamen … Andererseits … Es wurde nichts gemacht, ohne dass es notwendig war. Wir taten nichts aus Bösartigkeit oder aus Hass. Nein? Und als wir neunzehn dreiundvierzig nach Kursk auf dem Rückzug waren? Wir rückten ab und sprengten alles. Und haben wir damals nicht die ermordeten Menschen in den Ruinen der gesprengten Kirche gefunden? Das muss wohl die SS gemacht haben, aber wurde es dadurch den ermordeten Russen leichter? Und die vereisten Gehängten, die dieses grausliche Geräusch erzeugen, wenn sie vom Wind geschaukelt werden und einander berühren? Nein! Fast hätte er sogar mit der Faust auf den Tisch geschlagen. Er sah sich um. Keiner beachtete ihn. Das war auch gut so. Nein, man muss es trennen! Es gab die einen uns es gab die anderen. Man durfte sie nicht alle unter einen Hut stecken! Im Krieg war das immer so! In jedem Krieg! Und trotzdem konnte er nicht verstehen, woher dieses Schuldgefühl kommt. Krieg ist Krieg. Die Russen haben auch bestialische Sachen gemacht. Hier, in Deutschland, hat er selbst gesehen, wie sie aus der Kolonne drei gefangene SS-Männer herausfischten und sie sofort erschossen. Die Deutschen sind mit den Gefangenen nicht derartig umgegangen. Er hatte zwar natürlich über das Erschießen der Kommissare gehört. Über einen entsprechenden Befehl. Erstens hing vieles von der Führung ab – die Wehrmacht wollte sich nicht in die national-sozialistischen Sachen einmischen, und hier und da gab es zu hören, dass dieser Befehl kaum angewendet wurde. Und wenn man ehrlich sein sollte, so sollten aus Kriegssicht die Kommissare wirklich isoliert werden, um einen möglichen Widerstand im Keim zu ersticken. Und wo sollte man sie im Kampf isolieren? Im Gefangenenlager? So ... Es war natürlich allen über die Judenvernichtung bekannt, und über die KZ-Lager, - da hat sich die kommunistische Propaganda in der DDR wirklich Mühe gemacht, - aber auch heute noch hatte er sich irgendwie noch nicht an dieses Wissen gewöhnt. Außerdem haben das alles ja nicht die Soldaten getan, sondern die Nazis, die Missgeburten, die die Reichsposten in Besitz nahmen, genau solche, wie dieser Feldpolizist. Andererseits … Was hat er übrigens überhaupt dort gemacht? Warum hat er den wild gewordenen Feldpolizist nicht aufgehalten? Und warum hat keiner von ihnen, den Feldsoldaten, ihm nichts in dieser Hinsicht gesagt? Nein, im Krieg kann keine Wahrheit gefunden werden. Alle waren Tiere … Er fing sich bei dem Gedanken, dass er die Russen wieder unbemerkt auf eine Stufe mit den Deutschen stellte. Das war immer so. Die Russen haben eine seltsame Eigenschaft – die Gedanken zu ihren Gunsten zu richten. Oh Gott, wie sehr hat er sie in der Gefangenschaft gehasst! Für den Hunger, die ständigen Vorwürfe, selbst für die Almosen der mitleidigen alten Frauen! Wie sehr hat er sie gehasst, als er befreit wurde! Wie sehr hat er sie gehasst, als er heimkehrte! Er hasste sie, konnte sie jedoch nicht loswerden, - weder im Leben, noch in den Gedanken. Die Russen waren mit ihm.
Der Moskauer Marsch - Hier! Hier! – er fing an fast mit Freude mit den Fingern am Fensterglas zu trommeln. Ich bitte den Fahrer den Bus anzuhalten. - Stadion „Dinamo“! – nein, Heinrich freut sich wirklich über etwas! – Hinter diesem Park da! Schau, hier bin ich diesen Marsch gelaufen! Seine Frau, die mit ihm zusammen aus der deutschen niedlichen kleinen Stadt Bad Orb nach Moskau gekommen ist, - schaut mit Neugier auf die grauen Tribunenwände. Aber mehr nicht. Das nur vor zwei Wochen zerfleischte und immer noch von Ruß geschwärzte „Weiße Haus“ des russischen Parlaments interessierte sie weitaus mehr. „Wirklich mit Panzern?“ - nahm sie mich weiter aus. „Sie haben es doch selber im Fernsehen gesehen“, - weiche ich diplomatisch einer Antwort aus. „Direkt von hier?“ – sie zeigt auf die Brücke. Ich zucke mit den Schultern – von wo denn sonst? Sie schüttelt den Kopf. „Russen, - konstatiert Heinrich mit einem unnachahmlichen hessischen Akzent, das „n“ am Ende der Verben schluckend. – Das könne se …“ Und ich weiß nicht, ob er das als Vorwurf oder als Lob meint. Oder einfach einen Strich zieht ...
* * * Heinrich arbeitet noch als Taxifahrer in Bad Orb. Obwohl er ja eigentlich schon längst in Rente gehen könnte – er ist schon fast siebzig. Wohlhabend genug. Ein großes Haus, eine angemessene Einrichtung, Geld, wie er selbst sagt, ist auch genug da. Es reicht auf jeden Fall dazu aus, um den ganzen Hof mit Käfigen zu besetzen, in dehnen sich dutzende oder sogar hunderte von Vögeln befinden. Heinrich hat ein nicht besonders verbreitetes Hobby – es sammelt Singvögel aus der ganzen Welt. Ein nicht gerade billiges Hobby. Aber das schönste war, wie er die Frage beantwortete, wozu ein so kompliziertes und teures Unternehmen gut sein sollte. „Das kann einem komisch erscheinen. Aber mit dem Vögelgesang habe ich immer versucht das Gebrüll des Kriegs aus den Ohren zu verdrängen“. Und fügte noch hinzu, als ob er sich für das Pathos, dass das Ohr seltsam berührte, rechtfertigen wolle: „Ich war ja ein Panzerjäger …“
* * *
Er ist selber in die Zivilfreundschaftsinitiative gekommen, als wir mit Andrej Demtschenko am Ende der Achtziger, in den Perestrojka-Zeiten, uns dazu entschieden einen eigenen Weg der Versöhnung und des Kontakts zwischen den Russen und den Deutschen ohne das Zutun der Regierung zu schaffen. In diese Zeiten war das eine Sensation - solche “Freundschaften”, außer den ausschließlich staatlichen, gab es damals noch nicht. Vor allem nicht unter Normalmenschen, gewöhnlichen Einwohnern von Kleinstädten. Und die Deutschen aus dem von uins fast zufällig gewählten Städtchen – dem bereits genannten Bad Orb – sind dieser Initiative mit einer unglaublichen Begeisterung gefolgt. Praktisch alle – von linken Zeitungsleuten und sogar ideologischen Trozkisten bis zu Frankfurter Börsenmaklern und Hausfrauen. Und – das war die größte Überraschung – mit großer Teilnahme und Sympathie gingen an unsere Idee die Ex-Wehrmachtsoldaten. Um genauer zu sein - die Ex-Gefangenen der Wehrmacht. Diejenigen, die durch die Hölle des Kriegs an der Westfront, und das Fegefeuer der sowjetischen Gefangenschaft gegangen sind. Das konnte eine wahre Phantasie zu sein – dass einer von denen, Willi Henss, sogar einer der Mitvorsitzenden der „Mit-Russen-Freundschaft-Initiative“ war, - es war aber Wahrheit ... Heinrich war einer von ehemaligen Kriegsgefangenen. Ein typisches – und wiederum untypisches – Schicksal von einem, den wir so lange – und gerechtfertigt! – als die deutsch-faschistischen Aggressoren bezeichneten. Am 22. Juni war er unter denjenigen, die in den ersten Reihen der eindringenden deutschen Streitmächte waren. Untypisch ist bereits die Tatsache, das er bis zum Ende des Kriegs überlebte: von den deutschen Soldaten, die diesen sommerlichen Sonnenaufgang auf dem Schlachtfeld erlebten, kamen bis zur Mainacht vom achten auf den neunten nach vier Jahren nicht viele mehr durch, als von den unseren. Das sind natürlich nicht die 98,97% Verluste von der durchschnittlichen monatlichen Kopfstärke der Roten Armee, wo mit anderen Worten fast alle ums Leben kamen, die am 22. Juni vom Kanonadendonner geweckt wurden. Aber in Anbetracht der Massenverluste der Wehrmacht in 1945 war es auch nicht wenig. Nun, wie dem auch sein, hat Heinrich sich in der Panzerjagd derartig bewährt, dass man ihn sozusagen in der Rolle eines “Sträflings” für immer behielt - er blieb ein Panzerjäger. Die Deutschen konnten wohl auch die Initiative und das Kriegsgeschick “bestrafen”. Insgesamt hat Heinrich fünf von unseren Panzern auf seiner Rechnung. „Es war Krieg“, - er versucht nicht sich zu rechtfertigen. Und dann kam er in Gefangenschaft. Damals ist er durch Moskau “spaziert“. Heute – zum zweiten Mal. Nach fast fünfzig Jahren … Und vor dem Marsch hat man uns auch irgendwo hier, in der Nähe versammelt, - sagt er. – Auf dem Hippodrom. * * *
Der Genauigkeit halber muss man sagen, dass die Ansammlung der Kriegsgefangenen für die Eskortierung durch Moskau an zwei Orten erfolgte: auf dem Hippodrom und auf dem Platz der 1. motorisierten Schützendivision des Volkskommissariates für innere Angelegenheiten (NKWD) benannt nach F.E. Dzerzhinskij – damals befand er sich irgendwo im Bereich des Majakovskij-Platzes. * * *
- Ich wurde kurz vor diesem Marsch gefangen genommen, - sagt Heinrich. – In Weißrussland. Wir wollten uns nicht ergeben, dachten, dass die Russen die Gefangenen zuerst foltern, damit diese alles erzählen, und sie danach erschießen. Alle glaubten daran, da wir gesehen haben, wie die Russen kämpften – heldenhaft, mit einer derartigen Gleichgültigkeit hinsichtlich des eigenen Lebens, was typisch für die Russen ist … diese gleichgültige Einstellung zum Leben jagte uns manchmal Furcht ein … Und in unserer Hinsicht, in der Hinsicht auf den Feind konnte man alles mögliche erwarten … Aber alles passierte wie von selbst: wir wurden am benachbarten Abschnitt überholt, wir traten den Rückzug an und stießen auf dem Waldweg buchstäblich auf eine große Russenkolonne. Sie sahen uns als Erste. Rannten zu uns, schrieen: „Hände hoch!“ Es war sinnlos Widerstand zu leisten. Wir beteten nur um dass die Russen nicht selber zu schießen begannen. Sie waren jedoch friedlich aufgelegt, nahmen uns nur die Waffen, die Uhren ab und führten uns in den Rücken ab. Sie behielten nur unseren Offizier da, führten ihn zu den russischen Befehlshabern. Ich weiß nicht, was mit ihm danach geschah. Tja, und dann mussten wir den ganzen Tag nach Osten laufen. Unterwegs wurden uns andere Gefangene angehängt. Man konnte sehen, dass auf der Front eine große Katastrophe geschah. Wahrscheinlich gingen die Russen deshalb recht friedfertig mit uns um – sie rückten ohne Kampf vor, und das freut den Soldaten immer. Nach einer hinhaltenden Schlacht hätten sie uns auch erschießen können. Als Rache für die getöteten Kameraden. So etwas gab es auch … Heinrich redet nicht aus, aber es ist auch so klar, wo er so etwas hat sehen können, - auf „seiner“ Frontseite … - Dafür wurden es näher zum Hintergelände immer mehr erboste Russen, - fährt er fort. Sie liefen auf uns zu, schlugen uns … Nahmen uns alles weg, was geblieben war. Nun, die Rückensoldaten sind alle so … Wir mussten sehr lange laufen. Dann erreichten wir irgendeine Station, hielten an. Es kam eine Dampflokomotive an, man lud uns in Güterwagen, wir fuhren los. Wir fuhren drei Tage lang. Essen gab es einmal am Tag. Wir machten auf einer Station halt, die Waggintüren wurden spaltweit aufgemacht, sie riefen: „Hey, Faschizki, Hunger? Zwei Mann zum Essenholen her!“ Nun, die zwei Mann gingen mit ihnen weg, brachten uns danach einen Kessel, Brot. Wir verteilten es schon selbst. Es gab natürlich wenig zu essen … Aber ich habe später, schon in der Gefangenschaft gesehen, dass die russischen Zivilisten auch gehungert haben. Darum kann man schon dafür danken, dass wir überhaupt etwas bekamen. Man transportierte uns, wie es sich herausstellte, nach Moskau. Wir wussten selbstverständlich nicht, dass wir für ein so berühmtes Spektakel bestimmt waren. Auf dem Hippodrom saßen wir zwei oder drei Tage herum, weiß es jetzt nicht mehr genau. Feuerwehrmänner brachten Wasser. Aber das reichte nur zum Trinken. Und zum Waschen nicht. Viele Kameraden litten an Durchfall. Das duftete … Die Uniform war dreckig – alle hatten das an, in dem sie in Gefangenschaft kamen. Falls es unterwegs nicht abgenommen wurde – Stiefel oder sonst noch was. Es gab viele, die Autoreifen anstatt von Schuhen hatten. Alle rätselten herum, wozu man uns hier versammelt hatte. Es gab die verschiedensten Annahmen. Die meisten dachten, dass wir in Moskau arbeiten werden – Häuser bauen oder Ruinen auseinander nehmen. Übrigens, als wir liefen, habe ich mich gewundert, ob Moskau überhaupt bombardiert wurde? Es gab keine Zerstörungen. Dann änderte sich alles. Auf einmal gab es am Abend verstärkte Verpflegung – Brot, Brei, sogar Speck. Es wurde befohlen sich wenigstens etwas in Ordnung zu bringen. Aber da konnte man eigentliche wenig machen – keiner hatte Nadeln oder Nähgarn. Und es wollte sich auch niemand auf befehl der Bolschewisten fein machen. Das Einzige, was alle verstanden, war des den Russen etwas Wichtiges bevorsteht. Man munkelte sogar, dass Stalin selbst kommen wird, um sich uns anzusehen … Der Morgen war klar und sonnig. Die Russen laufen herum: „Dawai! Dawai!“ „Stroisa!“, - rufen sie. Wir stellten uns zu Marschkolonnen auf. Von weiter Entfernung erklingt Musik, irgendein russischer Marsch. Einer der Gefangenen scherzt: „Oh! Das ist der Moskauer Marsch! Genau richtig für uns!“ Wir lachten, aber es ist ja genau so gekommen! Wir sind den Moskauer Marsch gelaufen …
* * *
Was wenig bekannt ist – es waren zwei Kolonnen, die den Gartenring entlang schritten. Sie gingen dabei in entgegen gesetzte Richtungen. Die Kolonne der Kriegsgefangenen vom Moskauer Hippodrom bewegte sich auf der folgenden Marschroute: Leningradskoje Chaussee, Gorki-Straße, Majakovskij-Platz, Sadovo-Karetnaja, Sadovo-Samotetschnaja, Sadovo-Tschernogryazskaja, uliza Tschkalova, Kurski Bahnhof, und durch die Straßen: Kalyajevskaja, Novo-Slobodskaja und 1-ste Meschanskaja. Diese Route wurde von 42.000 Kriegsgefangenen abmarschiert, einschließlich der Kriegsgefangenenkolonne der Generale und Offiziere mit einer Anzahl von 1.227 Mann, davon 19 Generale und 6 Oberoffiziere (Oberste und Oberstleutnants). Die Kolonnenbewegung der Kriegsgefangenen auf dieser Route dauerte 2 Stunden 25 Minuten. Der zweite Teil der Kriegsgefangenenkolonnen marschierte vom Majakovskij-Platz durch die Straßen: Bolschaja Sadovaja, Sadovo-Kudrinskaja, Novinjskij Boulevard. Smolenskij Boulevard, Zubovskaja Platz, Krimskaja Platz. Bolschaja Kaluzhskaja uliza, Station Kanatschikovo der Kreiseisenbahn. Diese Route wurde von 15.600 Kriegsgefangenen abmarschiert, die Kolonne befand sich 4 Stunden und 20 Minuten lang in Bewegung. So lautet der offizielle Bericht von diesem Tag – dem 17. Juli 1944. Die Kolonne wurde um Punkt 11 Uhr morgens in Bewegung gesetzt, und um 19 Ihr waren alle 25 Kriegsgefangenenstaffeln in Waggons geladen worden und zu ihren Bestimmungsorten befördert. Aus der Gesamtzahl der 57.600 durch die Stadt eskortierten Kriegsgefangenen wurden 4 Mann in die Sanitäranstalt wegen Erschwächung gebracht, wie im Bericht weiter angegeben wird.
* * *
- Wir wurden in Offiziere und Soldaten eingeteilt, - fährt Heinrich fort. - Aus dem Tor herausgeführt. Da habe ich das Stadion bemerkt – vor dem Krieg hatte ich recht ordentlich Fußball gespielt. Obwohl die Russen damals nicht am Weltsport teilnahmen, wurden darüber alle möglichen Gerüchte erzählt. Als ob bei irgendeiner Mannschaft ein Affe im Tor stehen würde … Deshalb war es interessant, obwohl es hinter den Bäumen wenig zu sehen gab. Wir wurden stark bewacht – wahrscheinlich befürchteten die Russen, dass wir irgendetwas anstellen. Die Rotarmisten waren mit aufgepflanzten Seitengewehren, es waren recht viele, die uns begleiteten. Und vor den Toren waren da noch Reiter mit gezogenen Säbeln. Einige Witzbolde scherzten, dass es fast wie ein Ehrengeleit schien. Irgendwer erwähnte die Kosaken … Hinter ihnen waren weitere Soldaten auf Motorrädern mit Beiwagen. In den Beiwagen saßen Maschinengewehrschützen. Das war alles in gewissem Sinne sinnlos – ich habe nicht einmal Reden darüber gehört, dass etwas organisiert werden sollte. Eine Flucht oder so … Alle waren auch so ausreichend niedergeschlagen, hungrig, obwohl es am Morgen wieder gute Verpflegung gab. Und was kann man schon im Inneren des Feindeslandes tun? Wir haben es erst später gesehen, dass die russischen Menschen sich uns, den Gefangenen gegenüber ohne Feindseligkeit verhielten …
* * *
Der Genauigkeit halber müssen wir wieder hinzufügen: die Deutschen wurden von den Kämpfern des Begleitregiments der 1. motorisierten Schützendivision des NKWD eskortiert. Jeder Begleitsoldat war mit einem Schießgewehr und einem Säbel bewaffnet. Allem Anschein nach befürchtete die Sowjetmacht nicht so sehr die Vorfälle seitens der Gefangenen, sondern Angriffe auf die Gefangenen – seitens der Bevölkerung. Deshalb wurden nach einem Vorschlag von Stalins-Sicherheitsminister L.P. Beria auch zwei Kolonnen gebildet anstatt von einer, wie es anfänglich vorgesehen war.
* * *
Die russischen Zivilisten standen entlang der Straße, hauptsächlich waren es Frauen und Kinder. Die Jungs liefen uns hinterher, riefen irgendwas, lachten. Und die Erwachsenen standen hauptsächlich stumm da, sahen zu. Da war zwar eine Frau, die etwas später herauslief, zu spucken anfing, etwas rief und warf. Aber sie wurde schnell beruhigt. Dann wurden unsere Generale angeführt. Ich ging in der vorderen „Box“, so habe ich es gesehen. Ich habe nicht gedacht, dass so viele von ihnen gefangen genommen wurden. Wir wussten ja nichts über die wahren Ausmaße der Vernichtungen ...
* * *
Im Laufe der Operation „Bagration“ wurde die Armeegruppe „Zentrum“ vollständig zerschlagen. Viele Geschichtsforscher sind der Meinung, dass sie danach nicht mehr existierte, und der ganze Krieg auf der Ostfront von den Deutschen bereits im August 1944 verloren wurde. Innerhalb von zwei Monaten verloren die deutschen Streitmächte über 400 Tausend Soldaten und Offiziere, davon 250Tausend – rettungslos. Von 97 deutschen Divisionen und 13 Brigaden wurden 17 Divisionen und 3 Brigaden vollständig vernichtet, und 50 Divisionen verloren von 60% bis 70% der Besatzung. Mit anderen Worten, im Laufe der Operation „Bagration“ wurden zwei Drittel der Besatzung der Armeegruppe „Zentrum“ verloren. Das war der vernichtende Sieg der Russen. Von 47 deutschen Generälen, die hier über die Streitkräfte und Ortsbesatzungen befahlen, wurden 10 getötet und 21 in Gefangenschaft genommen. Unter ihnen waren zwei Korpskommandeure, ein Ingenieurdienstführer, ein Kommandant des Verteidigungsgebiets und siebzehn Divisionskommandeure. Russische Verluste betrugen nach offiziellen Angaben 765813 Soldaten, die Anzahl der Gefallenen davon soll 178 507 Mann sein.
* * *
- Nun, die Generäle waren sauber, das ist ja klar. Sogar mit Orden und Dienstabzeichen. Sie sahen sich auf unserem besudelten und verdreckten Hintergrund sehr gut an … Wir sahen wirklich nicht besonders gut aus. Unrasiert, ungewaschen, die einen waren in Unterhosen, die anderen waren barfuss, andere waren wiederum ohne Soldatenröcke. Ich hatte zu Glück meine zerlatschten Filzstiefel behalten – sie hatten keinen der Rotarmisten interessiert, und die Kameraden, die barfuss oder in Fußlappen laufen mussten, litten schon sehr stark. Tja …das war natürlich schlimm. Es war entwürdigend, wie die Menschen an den Straßenrändern uns anschauten, es genossen. Wir wurden wie die Tiere in den Zoo abgeführt. Obwohl ich in den Kriegsjahren die Russen eigentlich zu verstehen begann – wir haben euch ja selbst so viel Elend und Leid zugefügt, dass es sogar seltsam ist, wie wir überhaupt noch menschlich behandelt wurden. Aber das demütigste war jedoch, dass nirgends Toiletten vorgesehen waren. Und anhalten konnte man auch nicht. Und zur Seite treten konnte man selbstverständlich auch nicht. So haben viele Kameraden ihr Geschäft im Gehen erledigt. Und die Menschen rundherum sahen das und schrieen: „Germanski nix Kultura!“ Sie lachten, zeigten mit den Fingern. Obwohl viele uns auch bemitleideten. Ich habe selber Frauen gesehen, die uns mit Tränen in den Augen ansahen. Aber es gab auch solche, die versuchten auf uns zuzulaufen, zu schlagen. Die wurden von den Soldaten verscheucht. Nun, so gingen wir direkt bis zum Bahnhof durch. Dort wurden wir in Transportwagen verladen und in unsere Lager gefahren. Ich bin auf den Ural gekommen, wir haben dort deutsche Ausrüstung, die als Reparation ausgeführt wurde, aufgebaut. Aber das ist eine andere Geschichte, eine ziemlich lange. Ich bin erst 1949 heimgekommen… * * *
Der Gerechtigkeit halber muss man hier genauer fassen. Ja, ein Marsch zur Belustigung der Volksmenge, das Fehlen von Toiletten, „germanski nix kultura“ – das alles war für die deutschen gefangenen Soldaten unangenehm und entwürdigend. Und widerspricht wahrscheinlich tatsächlich den Haager und Genfer Konventionen über den Umgang mit Kriegsgefangenen. Aber all das war nur eine schwache Spiegelung von dem, was mit den sowjetischen Gefangenen die deutschen Mächte anstellten. Von Toiletten unterwegs war nicht einmal die Rede! In die Gewalt der Deutschen gelangt, wurden die sowjetischen Soldaten hintereinander von einem Lager ins andere immer weiter ins Hinterland übergeführt, aus Feldlagern in größere Lager. Wie die ersten, so waren auch die zweiten meistens nacktes Feldland, das von Stacheldraht begrenzt wurde. Die Menschen wurden dort wie Vieh reingetrieben und befanden sich wochen- und monatelang unter freiem Himmel ohne jeglichen Wetterschutz. Zu essen gab es in den Lagern nicht jeden Tag. Den Gefangenen wurde die Kleidung genommen, sie erhielten keine ärztliche Hilfe, sie wurden ausgehungert und erschossen. Der nächste Schritt war der Übergang von einem Lager ins andere zu Fuß oder der Eisenbahntransport in Transportwagen mit fest verschlossenen Türen, in der Regel ohne Essen und in den sanitätswidrigsten Bedingungen, wenn die Lebenden und die Toten bis zum Bestimmungsort beisammen blieben – bis zum Stationärlager. Laut deutschen Quellen verhungerten auf dem Weg in die Stationärlager nur im November-Dezember 1941 fast 400 Tausend Menschen. Ganz zu schweigen von den Erschießungen der Kriegsgefangenen. Diese waren eigenmächtig und systematisch. So wurden, zum Beispiel, in vielen Lagern alle „Asiaten“ erschossen. Von insgesamt 5,75 Millionen sowjetischer Kriegsgefangenen sind (nach Angaben von E. Mansfeld, Beamten des Arbeitsministeriums des faschistischen Deutschlands) bis zum 1. Mai 1944 in den Lagern 1,981 Millionen Menschen gestorben, 1,030 wurden „bei Fluchtversuchen getötet“ oder an die Gestapo zur „Liquidierung“ übergeleitet, 280 Tausend starben in Durchgangslagern. Nach den Angaben des deutschen Geschichtsforschers Christian Streit kamen in der Zeit vom 22. Juni 1941 und bis zum Kriegsende etwa 5,7 Rotarmisten in die deutsche Kriegsgefangenschaft. Im Januar 1945 befanden sich in den faschistischen Lagern nur 930 000 sowjetische Kriegsgefangene. Von der Gesamtzahl werden nach den besten Schätzungen etwa eine Million aus den Lagern freigelassen, einschließlich derjenigen, die zu verschiedenen Hilfsarbeiten in der Wehrmacht abkommandiert wurden. Nach Angaben des Oberkommandos der Wehrmacht sind weitere 500 000 Mann geflohen oder wurden befreit. Die restlichen 3 300 000 Kriegsgefangenen (was umgerechnet 57,7% beträgt) fanden den Tod in der Gefangenschaft …
* * *
- Nein, nach Russland werde ich wohl nicht mehr kommen, - sagt Heinrich nach einem langen Nachdenken. – Das Alter ist nicht mehr, was es mal war. Ich wollte bloß noch einmal die Plätze sehen, wo meine Jugend vergangen ist. Ich habe ja so oder so fast zehn Jahre in Russland verbracht – vom Juni 1941 bis Dezember 1949 … Und die Jugend, sie ist trotz allem optimistisch! Schlachten, Tod, Lager und Tod – alles erschien wie ein Äußeres. Wie ein Spektakel, bei dem du ein Zuschauer bist. Dein Körper nimmt an etwas teil, gräbt Schützengraben, richtet Stellungen ein, verteidigt sich mit Schüssen, greift selbst an, kommt in Gefangenschaft, geht irgendwohin, friert, hungert, arbeitet … - und du bist dabei wie ein Zuschauer. Ein Ehrengast in der allerersten Reihe … Deshalb habe ich irgendwie nicht meine Zuversicht verloren, bin damals in der Gefangenschaft nicht verzweifelt. Ja, und Russland, eure Leute haben mit gefallen. Ihr habt etwas in euch, dass … Etwas von den Urmenschen. Vielleicht seid ihr tatsächlich ein bisschen Wilde … die in ins Weltall fliegen. Eure Seelen sind nicht glatt gestrichen. Mal seid ihr grundlos bösartig, mal seid ihr beispiellos herzensgut. Beim Europäer sammelt sich sehr viel in der Mitte, deshalb ist er stabil, konsequent. Und die Russen haben keinen Mittelpunkt: entweder – oder. Vielleicht ist es das, was wir Deutsche an euch so anziehend finden … Eines tut mir leid: ich bin euch damals, in meiner Jugend, falsch begegnet. Und es war, als ob auf meiner ganzen Jugend eine große schwarze Spinne lag. Der Krieg. Und jetzt möchte ich sehr irgendetwas tun, damit sie verschwindet …
Ich habe an der Istra gekämpft Der Panzer brach direkt in die Wolken ein. Er zerriss mit seiner Kanone den Nebel und es schien, als ob er beinahe bereit ist vorwärts von seinem Postament zu springen. Ein russischer Panzer. Und hinter ihm, hinter den Bäumen, steckt im Frühlingsmatsch ein deutscher Panzer fest. Von weitem schien er noch geharnischt, aber wenn man näher kam, konnte man den Rost und die Einschläge und das Fehlen der Panzerketten auf den Rädern, die sich nicht drehten, bemerken. Ein toter Panzer … Aber er stand genauso streng da, wie einst, nach Moskau gewendet, an der letzten Grenze, wo der deutsche Vormarsch angehalten wurde. Und der Alte legte noch einmal seine Hand an das Schild und salutierte. Noch einmal. Nachdem er dem russischen Panzer salutiert hatte. Und wischte sich langsam eine Träne ab … - Ich habe hier, an der Istra gekämpft. Die Namen dieser Dörfer sind mit immer noch bekannt. Ich habe hier so viele Kameraden verloren … Echte Freunde. Solche hatte ich nie mehr. Diese Zivilisten, sie verstehen nicht, was eine echte Bruderschaft ist, die an der Front entsteht. Sie können es sich schwer vorstellen, wie man das Letzte teilen kann, wie man etwas vergeben kann, ohne dafür Geld zu bekommen, wie das sein kann – sich für seinen Freund aufzuopfern. Wir waren alle achtzehn … Wir gingen selbst in den Krieg mit Begeisterung. Ich sage es dir ehrlich: habe niemals an diesen Stuss der National-Sozialisten geglaubt. Aber ich bin in dieser Umgebung aufgewachsen. Als ob die Jungs damals etwas verstanden hätten, sie haben ja sozusagen nichts gesehen, außer diesen Fahnen, diesen Paraden und dem Militär. Das war wie eine Wiedergeburt des deutschen Geistes, als ob Friedrich Barbarossa erwacht wäre! Auf die Niederlage und die Erniedrigung hin – glaub mir, ich weiß noch, wie mein Vater den Ersten Weltkrieg und den Versailler Frieden aufrührte, - sind die Deutschen wie der Phönix aus der Asche auferstanden. Aus dem Nichts, aus schrecklicher Armut, aus dem Elend, aus der Krise – und auf einmal war Stärke da, ein Glauben, irgendeine nationale Ekstase! Über die KZ-Lager wussten wir nichts, das heißt, wir kannten nicht die Wahrheit. Ich, zum Beispiel, erfuhr darüber erst nach dem Krieg … Als man alles zu zeigen begann und alle herumzuführen … Damals schien alles selbstverständlich zu sein, was heute falsch erscheint. Zum Beispiel, es schien absolut normal die Ziele des Staates mit dem Krieg zu erreichen. Es schien, als ob es keinen anderen Weg gäbe, um sich in einer Welt der Raubtiere zu erheben. Man war stolz darauf, wie man es ganz Europa gezeigt hatte. Ich weiß noch, wir fanden es damals nur gerecht, dass wir Polen besetzten – wir hatten ja die Vorkriegslage wieder hergestellt. Dass wir Frankreich besetzt hatten – wir rächten uns für Versailles … Und vor allem haben das wir, die Deutschen, gemacht, denen das Land und der Stolz nach dem Ersten Weltkrieg geraubt wurden. Nein, ich versuche nicht den Angriff auf euer Land zu rechtfertigen, ich versuche es nur zu erklären. Und der Krieg war hart. Besonders hier, bei Moskau. Das war der schwerste Winter in meinem Leben. Ein Gefreiter Panzermann. Kurzum ein Soldat. In einem fremden Land, in der Kälte, inmitten von Wäldern, ohne Straßen, ohne ordentliche Versorgung, hungrig ... Ein Panzer erfordert Pflege, die Hände frieren jedoch am Metall fest. Diese Kälte zwang uns dazu, dass die Motoren ständig liefen. Der Kraftstoffverbrauch wuchs um ein Drittel. Und wegen dem langen Weg war es schwierig regelmäßig um Nachschub zu sorgen. Und auch wegen dem Frost. Es waren sogar nicht genug Geschosse da. Und die Panzer standen ohne Ersatzteile da. Sehr viel Technik wurde einfach im Feld gelassen, weil die Panzerketten auf dem Glatteis rissen, und es gab nichts, womit man sie hätte verbinden können. Die Erde klirrte richtig, wenn man mit dem Bein stampfte. Und Winteruniformen gab es keine. Wer konnte, der zog zwei Mäntel übereinander an, man versuchte Stroh in die Stiefel zu stopfen, wickelte die Füße mit Zeitungen ein. Man wärmte sich hauptsächlich in Häusern. Viele der Dörfer wurden jedoch von den Russen beim Rückzug abgebrannt. Hier, - siehst du - , auf der Landkarte steht: Torlonovo und Uschakovo. Die haben die Rotarmisten zu Schott und Asche abgebrannt, als sie ihre Linie nicht mehr festhalten konnten. Und die Brücke hier bei Busch…scharovo, die haben sie aus irgendeinem Grund erhalten, haben sie nicht in die Luft gejagt. Danach haben sie sie mit Maschinenkanonen beschossen und bombardiert, haben dabei zwei Flugzeuge verloren, und haben doch nichts machen können … Obwohl das jetzt für dich uninteressant ist. Das Wichtigste - zu dieser Zeit ging dem Vormarsch irgendwie die Luft aus. Der Widerstand wuchs an. Nachdem die Gegend wieder befahrbar wurde, wurden gegen uns frische sibirische Divisionen eingesetzt. Und diese unsere täglichen Angriffe gegen geschulte und ausgeruhte Truppen nahmen uns langsam die letzten Kräfte. Die Verluste waren nicht sehr groß - hier habe ich, zum Beispiel, Angaben aus meinen Notizen: am 24. November hat unsere Division 4 Mann als tot, 11 als verwundet und 4 als krank verloren – aber das war ständig so, wir kämpften ja pausenlos. Es fielen Menschen aus, die Technik fiel aus. Siehst du, hier steht es, dass am 25 November der Vormarsch mit nur einer artilleristischen Batterie von unserer gesamten Division weiterging, da die Zugmaschinen nur für vier Geschütze gestellt werden konnten. Die Russen kämpften gut. Aber sehr unberechnend. Oder die Kommandeure kannten sich in ihrer Sache schlecht aus ... Zum Beispiel, eine Abteilung führt den Vormarsch, und die benachbarte steht daneben und schaut zu. Da verschieben wir langsam unsere Kräfte, wehren sie ab, und dann gehen sie gemeinsam in Vormarsch. Einige Abteilungen wurden beim Rückzug einfach bei uns im Rücken vergessen … Klar war das nicht absichtlich: sie waren ja nicht einmal kampfbereit, das konnte man ja sehen. Oder das hier noch, ist in unserem Divisionsbuch notiert, wie der Damm am Istra-Staubecken vor einer Explosion bewahrt wurde: ein wichtiges Objekt mit nur zwei Posten bewacht. Und dabei ging es um ein strategisches Objekt von höchster Wichtigkeit! Wenn der Damm brechen würde, könnten wir mit unseren Panzern nicht die Istra überqueren … Die Russen achten zwar zwei Explosionen, aber die waren schwach, haben es nur leicht beschädigt, und dann scheinen sie es vergessen zu haben … Hier, lies: „Beim Vordringen auf den Istra-Damm im Zusammenwirken mit dem linken Nachbar, der 11. Panzerdivision, war die Pionierkompanie als erste auf der Elektrostation. Feldwebel Seidel kam mit der Gruppe vorwärts, räumte zwei eingeschlafene Posten und schnitt die Zündschnur durch, die zu den auf der Elektrostation gelagerten Munitionskisten führte“. Das ist eine Kampfmeldung. Ich habe in den Sechzigern dafür extra in Archiven gearbeitet, ich wollte anhand meiner Tagebücher ein Buch schreiben. So ist hier alles echt. Und die russischen Soldaten selbst, die waren gut. Damals ginge es natürlich keinem um die Bewertung des Feinds, aber Mut kannst du immer sehen, auch den des Feindes. Die Soldaten kämpften sehr zäh … Sicherlich waren wir Feinde. Aber manchmal kam eine eigenartige Sympathie zueinander auf. Später, in neunzehn dreiundvierzig, bin ich für kurze Zeit in ein Regiment gekommen, wo schon lange keine Kampfhandlungen geschahen. Alle hatten sich einander gegenüber in die Erde eingebuddelt und standen so da, während im Süden über das Schicksal des Kriegs entschieden wurde. So haben wir uns schon bald kennen gelernt, schossen nicht auf einander, tauschten Zigaretten aus … Das Los eines Soldaten ist es auf Menschen zu schießen, die dir nichts Schlechtes getan haben. In diesem Sinn hatten wir in Russland nichts zu suchen. Aber wenn du nur wüsstest, wie ich diese Zeiten vermisse! … Vielleicht ist es meine Jugend, die ich vermisse? Die Frontbruderschaft? Ich würde keine Russen schießen wollen. Ich würde überhaupt nicht schießen wollen. Aber ich würde gerne wieder Soldat werden. Und von diesen Zeiten an liebe ich die Russen, weißt du? Für ihre Menschlichkeit. Ich werde niemals vergessen, wie wir verletzt in irgendeinem Haus lagen und die russischen Frauen uns Brot brachten. Uns, den Feinden! Und dabei habe ich gehört, dass ihnen eine Strafe drohte, wenn das herauskommen sollte … Das werde ich bis zum Tod nicht vergessen können, wie sie uns das Leben mit ihrem Brot gerettet haben. Ich bin ja auch deshalb mit dieser Eskorte mit Humanitärhilfe hergekommen … In meinem Alter, wie du ja verstehen kannst, ist es schwer zweitausend Kilometer in einem Lastwagen zu fahren. Das kann alles sehr geschwollen klingen, aber in meinem Alter kann ich das absolut aufrichtig behaupten: wir müssen dem russischen Volk unsere Schuld zurückzahlen. Den Frauen oder deren Kindern, die mich und meine Kameraden damals gerettet haben. Es wurde mir eng ums Herz, als ich diese Dörfchen, diese Häuschen wieder sah. Sie sind genauso, wie damals … Genau so … Und mir ist es, als ob ich in meine Jugend zurückgekehrt bin. Aber ich kann etwas nicht verstehen – was habt ihr denn nach dem Krieg falsch gemacht? Ihr habt uns doch besiegt, so warum seid ihr in solche Umstände gekommen, dass ihr gezwungen seid von uns humanitäre Hilfe anzunehmen? Nein, wir geben sie euch vom Herzen – du weißt es ja selbst, wie ganz Bad Orb, ganz Gelnhausen, Wächsterbach, Frammersbach, Flörsbach Sachen und Lebensmittel gesammelt haben. Aber wie ist das denn euch passiert, dem reichen Russland? Wenn man doch nur diesen Zeitpunkt finden und gerade da helfen könnte, hätte alles wahrscheinlich anders sein können? Vielleicht wird unsere Hilfe euch jetzt helfen können die schweren Zeiten zu bestehen und die Probleme zu lösen – wie uns die amerikanischen Sendungen nach dem Krieg halfen? Sag mir, dass es nicht wahr ist, dass diese Hilfe euch demütigt? Wir sind doch keine Feinde mehr?
Antifa Am Abend schimpfte er sich bereits. Wozu hat es sich vor diesen Russen offenbart, wie ein Truthahn, dem man endlich den lang ersehnten Futtertrog brachte. Er ist alt geworden, ganz bestimmt, die Erinnerungen kommen nur so auf. Na und ob, - sie ließen ihn auf sich stolz zu sein, auf sein kompliziertes Leben, auf seine Arbeit zum Wohle des Landes … Aber es scheint übrigens, dass sie es wirklich interessant fanden. Die Russen haben ihn ja zu diesem Gespräch veranlasst. Fragten irgendwas über die Einstellung zum Krieg, über das Vergangenheitsbild in der Seele. Eine unerwartete Wendung des Gespräches zu den Werten des Sozialismus … Nun, er hat ihnen das Vergangenheitsbild gezeigt. Er entsann sich an diesem sinnlosen Kampf, seinen ersten und letzten Kampf, als sie die Amerikaner beschossen, um die weiß Gott von wem benötigten Positionen am Waldrand zu verteidigen. Die Yankees wollten sich nicht mit uns Kindern einlassen: sie haben einfach die Flieger bestellt und in einer Viertelstunde zerriss diese alles zu Grund und Boden. Dieser riesige Neger steht immer noch vor den Augen, als er anhielt und sie sogar etwas verwundert ansah, als ihre ersten Schüsse ertönten. Er hatte überhaupt keine Angst, zog sich sorgfältig die geckenhaft gebügelten Hosen zurecht, sich eine saubere Stelle aussuchte und sich hinlegte. Neben ihm erschien sofort der Funker. Sie konnten damals sehen, wie der Funker das Mikrofon an den Mund hielt, und wollten ihn abscheren oder wenigstens das Funkgerät zerstören, aber ihr Geschosse flogen immer wieder vorbei … Zum Glück. Weil er nachher mit reinem Gewissen – so wie jetzt – behaupten konnte, dass er in diesem zwei Aprilwochen zwischen der Mobilmachung und der Verwundung niemanden getötet hat. Ja, er hätte sich nicht in diese Erinnerungen vertiefen dürfen. Jetzt hat er einen unangenehmen Kloß im Magen. Wahrscheinlich hätte er sich nicht in dieses Gespräch mit den Russen vertiefen sollen. Aber es ist ihm irgendwie nicht danach den Krieg vor den eigenen Landsleuten ins Gedächtnis zu rufen. Und die Russen … Was an auch zu sagen vermag, wie man auch versucht mehr über sie zu erfahren, so steckt in jede von ihnen eine besondere Einstellung zum Krieg, die wohl niemals ein Vertreter eines anderen Volkes verstehen wird. Man sollte glauben, was es schon für diese beiden bedeuten sollte, sie haben ja nicht gekämpft, haben nichts gesehen … Und trotzdem – sie schauen einen so an, dass die Erinnerungen wie von selbst von der Zunge kommen. Andererseits, weshalb sollte er sich genieren? Er ist nicht freiwillig in den Krieg gegangen – es waren die lokalen Führer, die sie, fünfzehnjährige Jungs, an die Front schickten, als allen bereits alles klar war. Wozu das gemacht wurde, konnte er damals nicht verstehen, denn das Scheitern war schon offensichtlich. Erst später kristallisierte sich eine einfache Erklärung heraus: genau das war Faschismus. Danach war die Gefangenschaft bei den Kanadiern, nachdem ihr Spital auf dem Rückzug stehengelassen wurde. Dann war da die Heimkehr. Zu einem Heim, das nicht mehr da war. Dann war da noch das Warten auf die Verwandten – welches immer hoffnungsloser, immer bitterer wurde. Danach kam die Suche nach den Eltern und der Schwester, von denen niemand etwas wusste, und die anscheinend in den Flammen des Kriegs aufgegangen sind, ohne eine Zeichen zu hinterlassen. Es fiel ja auch schwer etwas anderes zu erwarten – die Amerikaner zerbombten die Stadt bis auf den Grund, fast bis auf das letzte Haus. Und danach war dieser Wunsch nach der Wahrheit, nach Ehrlichkeit, nach Gewissenhaftigkeit. Von dem, was nach dem Krieg im Heimatland vorging, das in die Westzone kam, kam Übelkeit hoch, von dem, was die Amerikaner und auch die Deutschen dort taten, von dem, dass sie fünfzehnjährige Kinder an die Front schickten. Aus irgendeinem Grund fühlten sie sich wieder gut, sie waren wieder oben, sie regierten und verfügten wieder. Und wurden reicher dadurch, dass sie in den Hitlerjahren viel Eigentum erbeuteten und es nach dem Währungswechsel wieder in Umsatz brachten. Von diesem Misthaufen ist er in die Ostzone weggefahren, wo alles schwieriger, ärmer, anstrengender, aber jedoch ehrlicher war – ohne das dreckige Geschwelge derer, die sich am Krieg und an der Zerrüttung bereichert hatten, ohne den allgemeinen Kauf und Verkauf, wenn die anständigen deutschen Mädchen sich den amerikanischen Soldaten für eine Zigarettenpackung hingaben und dabei nicht aufhörten sich anständig zu fühlen. Ohne diese Nazis, die nach zwei Jahren nach der Zerrüttung wieder damit begannen die Staatsämter an sich zu raffen. Wie, zum Beispiel, dieser Ortsleiter, der sie in diese Schlacht sandte, und in siebenundvierzig auf einmal im Magistrat auftauchte und sich dabei für einen nicht enthüllten und deshalb auch nicht erschossenen Teilnehmer des Stauffenberg-Anschlags ausgab. Und er zog nach Ostdeutschland und büßte damit seine Teilnahme in diesem ungerechten, dreckigen, schrecklichen Krieg ab, und seine Teilnahme - sein Mit-Nichtstun - an der Existenz des Hitlerregimes. Es hat ehrlich gearbeitet, danach ehrlich und gut studiert. Es hat viel im Verband der FDJ gearbeitet, half mit die neuen Deutschen, das neue deutsche Selbstbewusstsein zu erziehen, wie er nur konnte. Er hat in neunzehn dreiundfünfzig, während des antisozialistischen Putschs in Berlin, Tage und Nächte in Fabriken verbracht, als die Arbeiter von der Unsinnigkeit und der Unnötigkeit der Streiks überzeugt und den Reaktionseintritt abgewehrt werden musste. In 1961 hat er viele zum Bleiben überzeugt, forderte auf nicht daran zu glauben, dass hinter der Elbe für sie ein fetter Kuchen bereitstand. Er ist in der Sperrkette in Berlin gestanden, während die Arbeiter flott die Steine auflegten, um die berühmte Mauer zu bauen, verschluckte sich am Kloß im Hals, um die Tränen zu verbergen, die um jeden Preis verborgen werden mussten. In seinem Herzen ist nicht mehr für Westdeutschland geblieben, aber – Gott! – wie eng es ihm ums Herz wurde, als die Heimat für immer – für ihn war das mit Sicherheit für immer – von ihm abgegrenzt wurde! Aber er verstand, dass der antifaschistische Damm wichtiger für den Sozialismus war, als alle seine Gemütsbewegungen, und den Sozialismus hat er für immer und ewig, bis zum Tod gewählt. Und im Unterricht schien es ihm zu gelingen den Studenten die Vorteile dieser Ordnung zu beweisen, obwohl das in den letzten Jahren vor dem Zusammenbruch immer schwieriger wurde. Nicht, weil der Sozialismus schwächer wurde, - auch heute ist er davon überzeugt, dass die DDR Chancen hatte eine humane Gesellschaft normal aufzubauen, die BRD zu überholen. Wenn doch nur nicht diese Meute von verzopften Grauköpfen an der Spitze nicht stören würde, die in ihrer Entwicklung stillstanden und das Land in seiner Entwicklung bremsten! Die Chance bestand einfach deshalb, weil die Vorteile des Sozialismus der jungen Generation einfach gewohnter waren, als es für sie nach dem Krieg schien. Sie haben es ja gesehen, dass er besser, humaner ist, dass er Millionen von Schicksalen gerettet hat – und sie verblieben mit diesem Wissen, das zur Grundlage des Glaubens wurde. Hat sich denn der Kapitalismus nicht unter dem Einfluss des Sozialismus so geändert? Als kapitalistische Welt die Macht auf einem Teil des Planeten verlor, spürte sie, dass ihre Existenz bedroht wurde, - und begann damit den größten Teil des Nationalprodukts zum Verbrauch von den Arbeiterschichten abzugeben. Einfacher gesagt, um sie zu kaufen. Und diese alten Furzer – wie in der DDR und in der UDSSR, sowie in der gesamten sozialistischen Welt von damals, - haben diesen Prozess versäumt. Und im Endeffekt war es da - das Jahr 1989. Die Russen hatten es zwar versucht die schwindende Zeit einzufangen, aber es war zu spät, viel zu spät … Und die Perestrojka endete als eine Restaurierung des Kapitalismus. Tja, als Marxist kann er sich nicht die Rechenschaft nicht dafür abgeben, dass der ideologische Kampf in die Verbrauchssphäre übergegangen ist. Und es war traurig, dass diese einfache Tatsache nicht in die Sinne der Oberhäupte kam. Jawohl, er hatte recht. Aber wie bitter einem von all dem wird! Wie bitter es jetzt ist, nach der Zerstörung der Mauer – dieser verfluchten Mauer, in deren Beton einst ein Teil seiner Seele erstickte, - wie bitter es jetzt ist in die Heimat zu kommen und zu sehen, dass diejenigen, die er damals eines besseren Lebens halber verlassen hatte, jetzt reicher und vor allem menschlicher leben, als sie hier! Menschlicher, weil … weil sie mehr Freiheit hatten. Freiheit. Er musste es zugeben. Er musste objektiv bleiben. Und jetzt kann er schon Vergleiche anstellen. Ja, dort – und jetzt auch hier – arbeiten die Menschen für einen Herren. Aber ihre Arbeit ist sinnvoller und mit einer größeren Teilhabung der Arbeiter am Ergebnis organisiert. Ja, das ist so. Ihr Leben war vernünftiger organisiert – im Westen hätte Honecker nicht so lange das Land unkontrolliert in den Abgrund ziehen können. Und das muss auch zugegeben werden. Das war wohl die bitterste Entdeckung in seinem Leben. War es denn umsonst vergangen? Er ist ja damals für die Freiheit von dem Krieg gezogen. Wann denn, wann wurde sie genommen? Oder hatte er sie selber genommen? Sich selber genommen …
Das Antlitz des Kriegs und der Liebe Er war so hoch gewachsen, rothaarig … Drollig. Ich habe ihn so geliebt! Nach so vielen Jahren werde ich mich nicht mehr daran entsinnen können, wie sie lacht, die Liebe, - denn seit dieser Zeit hatte ich keinen anderen mehr. Außer dieser Russen … Innerhalb von all diesen Jahren lacht für mich die Liebe so, wie er lachte – mit einem weißen Zähnestreifen auf dem sommersprossigen Gesicht. Oh Gott, wir lebten einen Monat lang zusammen. Nur einen kurzen Monat, bis Hitler nicht nach Russland ging und unsere Ehemänner mit sich nahm. Man sagte mir später, dass er tapfer war. Das er ein Held war. Er war Panzerjäger irgendwo bei Smolensk und hat irgendeine Medaille verdient. Er hat damals noch im Brief damit geprahlt. In seinem letzten Brief. Mir wurde später diese Medaille überreicht. Irgend so ein eiförmiges Eisenstück mit dem deutschen Adler mit einem Hakenkreuz in den Klauen. Das ist alles, was mir von seinem Leben geblieben ist. Von unserem Leben … Er ist nicht im Kampf umgekommen. Er wurde niederträchtig ermordet. Irgendwelche Banditen, sie werden von euch Partisanen genannt, haben eine Granate in den Sanitätswagen geworfen, wo er mit anderen Verwundeten transportiert wurde. Wie man mir sagte, ist er verblutet. Ich wollte der dem Militär beitreten, zu den Nebenabteilungen, zur Waffen-SS – nur um die Möglichkeit zu bekommen an die Front zu gehen und mich an den Russen zu rächen. Aber das war später. Weil ich anfangs nichts wollen konnte. Ich lag einen Monat lang im Fieberdelirium, außerdem erlahmten mir in dieser Zeit die Beine. Ich konnte diesen Verlust nicht ertragen. Ich wollte nicht mehr weiterleben. Und ich konnte auch nicht vergeben. Ich kenne keine Worte, um zu erzählen, wie düster mein Leben danach war. Ohne ihn. Ich wollte glauben, dass er nicht tot ist. Aber mir wurden seine Frontsachen zugesendet … Und dann sind die Russen zu uns gekommen, in unser Städtchen in Ostpreußen. Du wirst das nicht verstehen, du bist ja nie zwischen einem Hammer und einem Ambos von zwei kämpfenden Armeen geraten. Wir hatten Glück – als wir aus dem Keller kamen, war unser Haus noch heil. Aber im Hof hörte man schon russische Stimmen … Wir waren zu dritt – meine Mutter, ich und meine zweijährige Tochter. Wir saßen im oberen Zimmer. Um genauer zu sein, saß dort meine Mutter und ich selber lag im Bett – mit hohem Fieber von einer Wintererkältung. Damals waren die Winter sehr kalt und wir hatten wenig zum Essen und zum Heizen. Als auf der Treppe Schritte erklangen, ist mir das Herz stehen geblieben. Sie waren zu viert, grässlich, betrunken und bewaffnet. Als Erstes haben sie alle Läden und Schränke durchgestöbert. Ich werde niemals vergessen, wie sie mir den Ehering von der Hand gezogen haben … Und dann zogen sie mir die Kleider vom Leib … Und es musste so kommen, dass es ausgerechnet Russen waren! Die verhassten Russen. Die Mörder von meinem Mann! Meine Mutter versuchte mich zu beschützen, aber sie schlugen ihr mit einem Gewehrkolben auf den Kopf, wonach sie nicht mehr aufgestanden ist. Und meine Tochter ist im Zimmer geblieben und musste sich alles mit ansehen … Nur ein einziges Mal hat sie mich später gefragt … Darüber … Aus irgendeinem Grund war das unmittelbar vor ihrem Tod, als ihr das Atmen wegen dem Krupp bereits schwer fiel. Das war in Polen, als wir aus unseren Häusern vertrieben und nach Deutschland umgesiedelt wurden. Damals sind viele Kinder gestorben wie mein Annchen. Aber wie sehr es selbst heute nicht schmerzt, dass ihr nichts anderes vor dem Tod in die Gedanken gekommen ist, als diese Szene in unserem Haus … Und so bin ich allein geblieben, ohne Verwandte, unter fremden Menschen. Ich hatte kein Haus, kein Eigentum - uns wurde es ja befohlen innerhalb von 24 Stunden zu verschwinden … Und Deutschland selbst war zerstört, die Menschen lebten auch ohne uns Flüchtlinge ohne Lebensmittel, ohne Geld, ohne Heim. Im benachbarten Hanau sind nach den Luftangriffen nur drei oder vier ganze Häuser geblieben. Und wir haben die Ruinen auseinander genommen, haben Ziegel geschleppt, haben es einfach versucht zu überleben. Du kannst dir nicht vorstellen, wie schwer das war. Und es gab auch fast keine Männer. Diejenigen, die später aus der Gefangenschaft zurückzukehren begannen, wurden bereits von jemandem erwartet, die anderen hatten sich auch längst eine Partie gewählt. Die Männer wurden regelrecht verrissen, und auf die Amerikaner, deren Kasernen bis heute noch in Hanau stehen, gab es fast eine echte Jagd. Aber mir ist im Inneren irgendetwas gerissen. Ich wurde von zwei Gefühlen hin und her gerissen – der nicht vergessenen Liebe zu meinem verstorbenen Wilfried und dem nicht erkaltenden Hass zu seinen russischen Mördern. Und die Jahre haben diese Krankheit nicht besiegen können. Sie haben sie nur etwas abgestumpft … Aber einmal ist mit ein Buch in die Hände gekommen, wo ein russisches Märchen war. Ich weiß noch, wie ich lachen musste, als ich es las. Es ist typisch russisch: auf dem Ofen liegt ein Tunichtgut, denn niemand zwingen kann zu arbeiten, da passiert ein Wunder und er wird letztendlich zum Zar, ohne dafür auch nur mit dem Finger zu rühren. Ist ja klar, dass die Russen so sind, wie sie halt sind, dachte ich mir, wenn ihr Nationalcharakter mit einer solchen Idee beginnt! Aber es kam Interesse in mir auf. Ich bestellte ein Buch mit russischen Märchen, um mich noch einmal davon zu überzeugen, dass ich Recht hatte. Oder war es vielleicht dazu, um meinen Hass zu trösten. Und genau: vor mir lag eine ganze Welt von Dummlacken und Missgeschöpfen, die sich überhaupt nicht in die europäischen Vorstellungen über die Zivilisation einfügten. Aber es war in diesen Märchen etwas Anziehendes. Vielleicht war es die Abgeschiedenheit … Außerhalb. Dorthin ist irgendwann Russland angelangt. Warum? Man sagt, dass es ein besonderer geografischer und ethnischer Begriff ist. Magie. Die hier geborenen oder die zufällig hierher gelangten, - alle wurden damit erfüllt. Eine Dimension von Gefühlen und von jenseitigen Gedanken. Und langsam fühlte ich mich von den russischen Märchen bezaubert. Eines Tages verstand ich plötzlich, dass ich sie interessant finde, dass ich die Russen selbst interessant finde, deren Seele genauso wenig ergründet werden kann, wie die Moral in ihren Geschichten. Ich begann damit andere Bücher über Russland, über die Russen zu lesen, lernte langsam ihre Geschichte kennen, habe versucht es mir ihre Ideen vorzustellen. Und habe ich davon hinreißen lassen. Mir erschien eine ganz andere Welt im Vergleich zu der, an die ich gewohnt war. Russland ist uferlos. Gut und Böse, Lügen und Wahrheit, Heldentaten und Heimtücke sind dort uferlos. Anders. Weites Gelände und Schnee. Und Blut. Ein Märchen ist doch eine Allegorie mit einem Blick aus den Tiefen des Bewusstseins. Und dort, im Inneren, befindet sich ein solcher Urschmerz! Und er ist bis zu uns gekommen, zu uns durchgedrungen. Und die Faulheit. Ein erheblicher Teil der Märchen ist die Suche nach deren Rechtfertigung. Nach dem Hechtsgebot: mit Morden, Räubereien, Unfug, Schikanen. Ohne sich von der Faulheit zu trennen. Außerdem sind die russischen Märchen grausam, raffiniert. Aber ich lese weiter … und werde auch von diesen Gedanken verlassen. Nein, denke ich mir, in diesen Märchen gibt es keine besondere Moral. Es ist einfach eine andere Welt. Eine Metapher, ein Mehrklang. Und wegen der Spontaneität sind sie ziemlich verwirrt. Und wenn man nachdenkt, ist das auch zu verstehen. In dem russischen Volk gibt es noch einfach Ganzheitlichkeit, keine Bestimmtheit, keine Vollendung. Tränen über dem Abgrund. Gelächter in der Leere. Ich … Ich kann es immer noch nicht verstehen, was darin, was in euch so besonders ist. Ich sage es ja, - unfassbar. Du kannst dich nicht daran festhalten, nicht verstehen, nicht feststellen … Wie ihr selbst – mit einer europäischen Äußerlichkeit besitzt ihr ein absolut uneuropäisches Denken. Und der europäischen Ansicht nach ist dieses Denken nicht normal, da musst du mich schon entschuldigen. Aus einer anderen Zivilisation. Vom Mond. Ich weiß es nicht, vielleicht seid ihr in der Wirklichkeit nicht so, wie in euren Büchern und Märchen, aber das, was ich daraus verstanden habe, begann mich eines Tages anzuziehen. Das ist wie ein anderer Windgeschmack. Wie wenn man aus den Bergen ans Meer kommt. Seit Jahrhunderten befinden sich wir, die Menschheit, auf der Suche. Auf der Suche nach diesem Letzten, auf das wir noch zu hoffen vermögen. Und ihr Russen bossiert euch ewig diese Erlösung in verschiedenen Gestalten. Weißt du, ich habe begonnen die Russen zu lieben. Ich habe mich lange gewehrt, habe lange mit diesem Gefühl gekämpft – wegen der Liebe zu meinem Wilfried. Aber eines Tages bin ich zum Verständnis gekommen, dass Wilfried sich in meiner Seele längst mit den Russen eingefühlt hatte. Mir schien, dass wenn es den Krieg nicht gegeben hätte, so würden sie auch im Leben gut mit einander auskommen. Und der Hass auf die Russen in mir ist irgendwie vergangen. Ich weiß, dass ich mein misslungenes Leben, meine gebrochene Jugend, meinen einsamen Lebensabend auch – und Hitler – zu verdanken habe. Aber mit scheint, dass Wilfried und ich euch zu lieben lernten … Dieses Bekenntnis kann einem unglaubwürdig erscheinen, als ob es irgendeinem Lehrbuch für die alten ideologischen Funktionäre entnommen wurde. Aber diese grauhaarige alte Frau ist übrigens niemals nach Russland gekommen, lebt in ihrer kleinen Wohnung in einem gemeindlichen Altersheim in einem kleinen Städtchen in Mein-Kinzig-Kreis mitten in Deutschland …
Auf dem Friedhof treffen sich nur die Lebenden … Die alte Frau maß uns mit einem Blick, der augenblicklich schwerer zu werden schien, und winkte unbestimmt mit der Hand: - Fragen sie dort nach …
* * *
Es erweist sich, dass es in Russland nicht wenig Orte gibt, an denen der Große Vaterländische Krieg nicht vergessen und dem Feind nicht vergeben wurde. Er ist nicht auf dem Niveau nicht vergessen, wo die Paraden sind, die Orchester, die Jubiläumsmedaillen und die mit Pathos erfüllten Reden. Sondern dort, wo die persönlichen Erinnerungen liegen …
* * *
Dieses Dörfchen in den tiefen Wäldern von Rzhev haben wir nicht zufällig gesucht. Irgendwo in seiner Nähe musste ein deutscher Soldat begraben sein, Giselas Vater, die ohne die russische Sprache zu verstehen jetzt die finster gewordene Greisin freundlich anlächelte. Nun, zuerst hat uns auch die Greisin mit einem Lächeln empfangen, als wir sie begrüßten und nachfragten, ob es in der Nähe einen Soldatenfriedhof gäbe. Ausführlich, wie es halt den meisten Dorfeinwohnern eigen ist, begann sie den Weg zu erklären, aber: - Mit dem Auto werdet ihr dort nicht durchkommen, - sagte sie nach kurzem Nachdenken, - Die Straße ist schlecht … Ich werde auch zu fuß hinführen. Und sie lächelte weiter, bis einer von uns nachfasste: - Mütterchen, wir suchen nach einem DEUTSCHEN Soldatenfriedhof …
* * *
Die Freundlichkeit der russischen Greisinnen vom Land im Verhältnis zu Reisenden hat keine Grenzen. Es wäre unmöglich dieses Dörfchen ohne das Zutun von einem Dutzend von freiwilligen Helferinnen auf dem ganzen Weg von Rzhev aus zu finden. Obwohl ihr wohlwollender Wortfluss nicht immer die richtige Richtung zu zeigen vermag, so sind wir der gesuchten Stelle doch näher gekommen. Und andere Quellen von derartig wichtigen geografischen Angaben hatten wir nicht. Das gesuchte Dörfchen war derartig winzig, dass es wahrscheinlich nur bei einem militärischen Suchmarsch aufgefunden werden konnte – aber woher nehmen? Der neuste Straßenatlas konnte uns nicht helfen, und die Karte des Tverskaja Gebiets, die in irgendeinem Dorfkaufhaus „Kulturwaren“ aufgestöbert wurde, gab uns nur einen Orientierungspunkt – die glorreiche Stadt Andreapol. Dort wurde ich einst als Soldat von unserem Stellv.Regimentenschef mit zwei Flaschen Apfelwein geschnappt worden, die ich in meine Kompanie zu schmuggeln versuchte. Ob wohl in den Kletten hinter dem Bahnhof noch immer die Glassplitter von den Flaschen liegen, die der Major damals hinrichtete? Letztendlich orientierten wir uns nur an eine Kopie einer deutschen Kriegskarte von 1942. Dort war das Dörfchen – nennen wir es einfach „Dörfchen“, um andere Orte dieser Art nicht zu benachteiligen, - angegeben. Aber ohne die reichhaltigen Erklärungen wären wir in unserer Suche wohl nicht weit gekommen: in den über fünfzig vergangenen Jahren hat sich in der Umgebung vieles geändert. Deshalb konnten wir der deutschen Erstquelle nicht so richtig vertrauen …
* * *
Die deutsche Erstquelle wurde von Gisela mitgenommen, die es irgendwie geschafft hatte den Generalstab der Bundeswehr dazu zu bringen die Karte in den Kriegsarchiven zu finden. Mit ihrer Hilfe wollte sie das Grab ihres Vaters finden, der bei Rzhev gefallen ist und irgendwo in der Nähe von diesem Dörfchen begraben wurde …
* * *
Wir haben uns im Bezug auf die deutsche Erstquelle geirrt: bereits in drei Kilometern von der Straße Riga-Moskau hatte sich in den vergangenen fünfzig Jahren nichts geändert. Das heißt, nichts Wesentliches. Es scheint, dass die Besatzer im Krieg dieselben schwarzen Häuschen und die schiefen Holzzäune gesehen haben, die wir heute antrafen. Und für das Dörfchen war der Krieg auch noch nicht lange entfernt. Einerseits kann man es selbstverständlich nicht vergleichen: den Krieg und das Alltagsleben einer altväterlichen Kolchose mit solchen markanten Ereignissen, wie ein Fallen des betrunkenen Elektriker vom Mast. Den Mast hat man uns auch gezeigt … Andererseits haben den Krieg dieselben Menschen gesehen, die sich mit uns unterhalten. Wie ein Mann mit einem Bäuchlein und einer definitiv buchhalterischen Erscheinung uns die Frage über einen Deutschen beantwortete, der wahrscheinlich in diesem Dorf gestanden ist, hier gefallen und beerdigt wurde: - So ein rothaariger großer Bursche? Ja, der hat hier gewohnt, direkt hier, in meinem Haus! Er hat mir damals noch Schokolade gegeben. Dann dachte er kurz nach und fügte hinzu: - Das muss er wohl gewesen sein …
* * *
Über ihren Vater hatte Gisela nichts außer vagen Kindheitserinnerungen und der Mitteilung des Oberkommandos der Wehrmacht darüber, dass der an Verwundungen gestorbene Gefreiter Meffert auf einem Soldatenfriedhof in der Nähe des Dörfchens ruht. Jetzt, nach fünfzig Jahren, wo die Grenzen geöffnet waren, entschloss sie sich dazu das Grab ihres Vaters zu finden. Und wendete sich dazu an Alyoschka und mich, an Bekannte von ihren Bekannten.
* * *
Das war tatsächlich eine Reise in die Vergangenheit. Das mit glücklichem Neon geschmückte Moskau der neunziger Jahre trat zurück und wir fuhren in die achtziger Jahre der Istra, die noch hier und da Beteuerungen in der großen Popularität der Führungserfolge der Kommunistischen Partei der Sowjetunion aufwies. Das Gesamtbild wurde durch einen monsterartigen Lenin gekrönt, dessen lästerliches Gesicht die Erpichtheit nach dem Kommunismus dastand und das große Bedauern von dem, dass er nicht vom Postament steigen kann, um Vodka mit Fleischbuletten im hiesigen Lokal zu genießen. Die Bulette schmeckte tatsächlich nach Sozialismus und rief schwärmerische Erinnerungen an die Fischdonnerstage auf … Die Abgeschlossenheit dieser Erscheinung wurde nur von den sich vermehrenden individuellen Bauten verbildet, die zusehends zunahmen und davon zeugten, dass die neue russischen Reformen nicht so schrecklich sind, wie man zu sagen pflegt. Wolokolamsk stand nach der Zeitskala noch weiter zurück – er war in den Siebzigern. Und das Stammgut der berühmten Gebietsreformer Travkin – Schachovskaja – lebte entschieden in den Zeiten der 23. Tagung der Kommunistischen Partei der Sowjetunion weiter. Besonders was die Straße anging. Aber die wahren russischen Straßen lernten unsere Deutschen erst dann richtig kennen, als wir endlich den Riga-Trakt verließen und von Dorf zu Dorf herumzukugeln begannen. Und letztendlich kam das Dörfchen. Eine echte russische Einöde. Ein letztes Abzeichen auf der Zeitskala. Die Vierziger? Die Zwanziger? Das neunzehnte Jahrhundert? Die Zeiten der tatarisch-mongolischen Unterdrückung? Es passte überall hin. Die herkömmlichen, in Jahrhunderten bestehenden Gestalten: hölzerne Häuser, scharfkantige Dächer, kleine Fenster. Einige Häuser schienen tatsächlich seit dem vergangenen Jahrhundert zu stehen – schief, in die Erde bis an die Ohren eingewachsen. Und ungepflegt … Als ob das Dörfchen sich längst aufgegeben hätte.
* * *
Der „Buchhalter“ verhielt sich freundlicher, als die Greisin. Er begleitete uns sogar bis zum Friedhof und erklärte gerne, wie und was hier so alles im Krieg geschah – soweit er es sich als fünfjähriger Bub merken konnte. - Wenn ihr Vater hoch gewachsen und rothaarig war, bedeutet das, dass er es gewesen sein könnte, der bei uns lebte. Er ging gut mit uns um, - sagte er. – Die Soldaten gingen mit uns überhaupt gut um. Als sie bei uns im Haus standen, so hat es meine Mutter erzählt, war bei ihnen alles sauber. Und sie haben sogar selber uns etwas von ihren Lebensmitteln spendiert. Obwohl wir sie auch mit Kartoffeln bewirtet haben. Sie standen hier ziemlich lange, irgendwelche Artilleristen. Es hat mich immer mit dem Fahrrad gefahren … Gisela kam von dieser Erzählung zum Stocken. Danach sagt sie mit Bedauern: - Nein, mein Vater ist nicht hier gestanden. Er wurde hergebracht, als er verletzt wurde … - Und die Alte? - mische ich mich taktlos ein. – Die hat sich aber stark im Gesicht verändert, als sie erfuhr, dass wir mit Deutschen gekommen sind. Sie wurde offensichtlich nicht allzu gut behandelt … Der „Buchhalter“, der sich tatsächlich als ein Büromitarbeiter der Kolchose entpuppte, - zuckte mit den Schultern: - Ich hab nicht gesehen, mit wem Sie da gesprochen haben. Kann sein, dass es die Fedosovna war? So ’ne Alte, um die achtzig? Ihr Mann ist ja im Krieg umgekommen, und ihr kleiner Sohn wurde hier im Dorf erschossen, - im Suff oder aus Zufall, wer weiß. Seitdem altert sie allein dahin …
* * *
Es gibt natürlich keinen echten Friedhof. Noch im Krieg wurden die deutschen Kreuze hier vernichtet, und das Grab der Feinde unterschied sich überhaupt nicht von den umgebenden Feldern und Weiden. Aber im Dörfchen weiß man, wo es sich befindet. Bis jetzt noch. Gisela hat vor Dankbarkeit einen Kloß im Hals: in der ganzen Zeit nach dem Krieg hat hier auf diesem Fleckchen Erde keiner ein Haus oder einen Schuppen gebaut. Der Friedhof befindet sich neben der Straße, aber wenn sich auf der anderen Seite ganze Reihen von Häusern zwischen Apfelbäumen und Hundehütten auftürmen, wie es halt in einem Dorf üblich ist, so beginnt auf dieser Seite der Straße das Brachland. Keiner siedelte sich auf den Knochen an. Selbst auf den Knochen des Feindes.
* * *
Man hat hier im Dorf schon seit langem keine echten Deutschen gesehen, fast seit den Kriegszeiten. Oder nicht einmal fast … Wir werden von der einheimischen Bevölkerung umzingelt. Fast wie eine Volksversammlung. Fragen, Antworten. Erinnerungen. Der Krieg für ein russisches Dorf – was wissen wir davon? Dass die Deutschen geschlagen und geplündert haben? „Matka, Jaiko …“? Dass sie für die Nichtbefolgung Menschen verbrannt haben? Das gab es auch. Aber irgendwie lebte doch die Hälfte der Landesbevölkerung fast drei Jahre lang neben den fremden Soldaten, neben ihren Eroberern. Das Leben kann man nicht ausradieren – mit den Kühen, die gefüttert werden müssen, dem Brot, das man hochbringen muss, dem Haus, das man beheizen muss … Sie, die Bauern, wurden der Gnade des Feindes ausgeliefert. Nun, sie passten sich an … Aus diesem Walddörfchen wurde niemand evakuiert. Eine Frontlinie gab es hier nicht. Wahrscheinlich dachte keiner, dass der Krieg hierher kommt. Man lebte einfach – und eines Tages sah man auf der Straße Soldaten in fremden Uniformen. - Es gab keine Plünderung, - sagen die, die diese Invasion überlebt haben. – Sie haben zwar hier ihre Ordnung etabliert – das darf man, das darf man nicht. Was konnte man schon machen, außer zu gehorchen. Sonst drohten sie uns zu erschießen. - Gab es auch Partisanen? - Ja, es gab sie. Weit von uns entfernt. Zum Glück haben sie uns nichts getan. Und die Deutschen auch nicht. So lebten wir halt. Aber man mochte sie, diese Deutschen, trotzdem nicht … Für das Dörfchen liegt der Krieg wirklich noch nicht lange zurück, wie es sich herausstellt. Der Krieg war in seinem Leben wohl das größte Ereignis …
* * *
Die Sonne fließt an der zackigen Tanne runter, wie ein Bluttropfen an einem beschmutzten Bajonett. Es ist Zeit von hier wegzukommen – sonst bleiben wir noch in über Nacht im Wald stecken. Vor der Abreise fahren wir nach Giselas Wunsch noch zum russischen Soldatenfriedhof. Sie will Blumen auf die Gräber der russischen Soldaten auferlegen, die sie auf der Wiese gepflückt hat, wo während des Kriegs der deutsche Friedhof war. Auf dem Rückweg vom Friedhof treffen wir Fedosovna wieder, die neben ihrem Haus steht. Sie sieht uns weiterhin mit diesem frostigen Blick an. Die alte Frau hat sich nicht zu der kleinen Volksversammlung gesellt, die sich um uns gebildet hatte. Aber sie kam aus irgendeinem Grund raus, um uns zu verabschieden. Gisela bittet das Auto anzuhalten, steigt aus und gibt der Greisin irgendein deutsche Souvenir. Die Greisin bedankt sich kurz und trocken. Danach sagt sie genauso trocken: - Warte mal … Sie geht in ihr Haus und kehrt mit einer halben Brotkante und einem Stück Speck zurück. - Nehmen Sie das, - sagt sie ausdruckslos. – Sie haben ja wohl den ganzen Tag lang nichts gegessen. Und vor Ihnen liegt noch ein weiter Weg …
|